06:49 Uhr I Barbara Paulmichl

»Ich beziehe meine Türmerstube. Duft nach frischem Holz. Eine Wespe versucht recht beharrlich, ebenfalls reinzukommen. Durch die Glasscheibe. Die Stadt ist schon ein bisschen wach. Autos, Fahrräder. Immer auf den gleichen Spuren. Durch die Baustelle. Den Berg rauf und den Berg runter. Ein Schwarm Vögel kreuzt den Verkehrslauf. Sie folgen dem Verlauf der Isar. Von Horizont zu Horizont.

Die Farben der Stadt: Grünspan, ziegelrot, beige. Mit Konturen in Anthrazit. Irgendwann legt sich ein hellgelbes Licht über die Häuser. Spots in gold und glänzendem Orange. Metall und Fenster reflektieren. Die Baustelle erwacht zum Leben. Die Fahrräder und Autos folgen weiter ihrem Weg. Es gibt Bezugspunkte in dieser Höhe. Die Figuren am Turm des Müllerschen Volksbades. Sie beobachten den Teil von München, den ich nicht sehen kann. Der Blick Richtung Osten. Dann ist da noch die Giesinger Kirche. Etwa auf gleicher Höhe. Umgeben von Grün auf einem Vorsprung über dem Fluss. Fast als wäre da eine weitere Türmerstube. Beim Blick hinüber. Die Säule von München, die eine Stunde vor meinem Fenster tanzt. Als hätte sie einen Anhaltspunkt gesucht, so hoch oben in der Luft.

Das Licht ändert sich. Es wird hellgelb, weiß. Die glänzenden Lichtpunkte werden weniger. Der Verkehr fließt weiter. In immer derselben Choreografie bewegen sich Autos, Fahrräder. Sie weichen einander aus, an immer denselben Stellen. Sie zweigen ab, an immer den gleichen Wegen. Sie halten an, an immer den gleichen Punkten. Das bringt Ordnung in das Gewirr der überklebten, geänderten, angestrichenen Fahrbahn. Markierungen und Baustellenbegrenzungen. Ich warte darauf, dass die Kräne anfangen, sich zu drehen. Eine Gegenbewegung produzieren zum »Geradeaus« des Verkehrs. Aber nichts passiert. Sie bleiben stehen. Es sind unzählig viele.

Unter mir ein Lastwagen mit Werbung auf dem Dach. Supermarktkette. »Ich liefere auch zu dir hoch!« Echt jetzt? Die Wespe ist wieder da. Ich werde abgeholt. Komposition einer Stadt.«

 

Barbara Paulmichl Aussicht