18:45 Uhr I Konstanze Heininger

»Karsamstag, Sonnenuntergang. Der Himmel zeigt sich bedeckt, aber das ist okay. Es kann ja nicht immer die Sonne scheinen. Durch einzelne Löcher in den Wolken kommen Sonnenstrahlen, und ich versuche, anhand der Winkel den Stand der Sonne auszumachen. Aber die Wolken verändern sich trotz offensichtlichen Stillstands, es gelingt mir nicht. Auch nicht schlimm, sie wird untergehen, soviel ist sicher. Am Anfang bin ich noch unruhig. Zähle die Autos. Schaue auf die Uhr mir gegenüber. Erst drei Minuten. Zähle die Lieferdienste. Schaue auf die Sonnenstrahlen. Kucke, ob wer kuckt. Es kuckt keiner. Polizei: 2 x, Krankenwagen: 1 x. Fünf Minuten. Ich merke, wie ich ruhiger und ruhiger werde. Ruhiger stehe, entspannter atme. Langsam wage ich mich im Shelter weiter nach vorne, bis ich ohne mich zu bewegen vom Vierzylinder zum Siemens-Hochhaus schauen kann. Dazwischen München, so viele Dächer, und Häuser, und Türme, und Menschen. So viel Geschichte, so viele Geschichten. Mein Blick schweift, es riecht nach Holz, alles ist leicht. Langsam sehe ich auch die Sonnenstrahlen immer schwächer werden, bis sie ganz verschwinden. Nur noch ein paar rosa Flecken sind durch die Wolkenlöcher zu sehen. Eine Stimme holt mich aus meiner Betrachtung. Obwohl der Shelter die Geräusche dämpft: „Mama, da steht wer.“ Ein Mädchen in rosafarbener Jacke schaut hoch zu mir. Ich schaue runter. Mama schaut auch hoch. Ob sie irritiert ist oder gleichgültig, ich kann es aus der Ferne nicht erkennen. Das Mächen schaut immer noch. Dann winkt sie. Ich winke zurück. Ein durch meine Shelter-Wand gedämpfter Freudenjuchzer dringt an mein Ohr, dann sehe ich sie fröhlich über die Straße hüpfen. Vor dem Buchladen an der Ecke bleibt sie nochmal stehen. Das ist gut, Lesen ist immer gut. Die haben da auch tolle Kinderbücher „Borst vom Forst“ beispielsweise kann ich nur empfehlen! Ich suche wieder nach der Sonne. Nur noch eine leichte Tönung hinter den Wolken. Abendläuten. Ich schaue auf die Uhr. Nur noch fünf Minuten? Kann nicht sein. Ich würde gerne noch hierbleiben, zusehen, wie die Nacht sich noch mehr und mehr von der Stadt erobert. Aber meine Stunde ist rum. Meine Begleiterin klopft, der Abstieg steht bevor. Und heute Nacht die Auferstehung. Frohe Ostern!

(Polizei: 2 x, Krankenwagen: 1 x, winkende Mädchen: 1 x)«

03.04.2021 Konstanze Heininger Aussicht