18:44 Uhr I Lilly Günther

»Zunächst: ich bin in gleißendes Sonnenlicht gesetzt, in den Turm gehoben mein Da-Sein. Hektische Suchbewegungen meines sehenden Auges durch die Scheibe hinaus. „Komm ins Offene…“ Sieh! Ich vergesse zu atmen, schirme mit der Hand meine Augen ab. Sehe. So viel Stadt! Atme, schaue. Mein Körper tanzt – stehend. Die Mikrobewegungen meiner Muskeln. Unten, die grauen Straßenbänder, Autos, Fahrräder, Fußgänger. Jemand winkt zu mir herauf. Ich freue mich so sehr, aber ich bin befangen, winke viel verhaltender zurück als ich wollte, als Kunstfigur, wie Queen Mom. Ich höre das Rauschen der Autos, Signale, Turmglocken. Noch scheint mir die Sonne ins Gesicht. Es gibt so viel zu sehen, jenseits der Blendung, die Türme, Bäume. Das Leben da unten in dieser Stadt – und ich hier, in diesem realen Raum, diesem Kunst- und Denk- und Möglichkeitsraum. Das Muster meines Kleides schwebt als Spiegelung jenseits des Glases, direkt vor dem Turm des Müllerschen Volksbades. Ich werde ruhiger. Da unten wird es ruhiger. Der Himmel seidenblau. Und als ich nach links schaue – eine Wolkenwand. Rötliches Grau, darüber ein Wolkenwulst, langgezogen. Im Norden etliches zartes Wolkengetier. Die Sonne sinkt, wird kleiner. Der Horizont hinter ihr ein luzides Orange! Und über dem erleuchteten Horizontband über den Dächern schwimmen Wolkenfische mit dunklen Rücken. Das Da-Sein eine Lust, ein Vergnügen. Teil dieses Projektes zu sein, Wächterin und Hüterin, wichtig und unwichtig zugleich. Die Stadt lebt und ich schaue zu, bin da. Exponiert. Dunkle Dächer und ein silberfarbenes über einem Haus, das sich wie ein Schiffsbug zwischen zwei Straßen schiebt. Ich tanze – stehend. So ohne Mühe und einfach nur schön! Meine Beine nicht schwer. Ein Riesengeschenk, hier zu sein. Der Sonnenball jetzt klein, kompakt, dunkles Orange und Rot. Scherenschnitte die entfernten Türme. Meine Augen erholen sich in der blauen Dämmerung. Unten ist es noch ruhiger geworden. Zweimal, fällt mir gerade ein, habe ich Vogelpaare unter mir vorbeifliegen sehen. Auch das hat mich, sinnlos-sinnvoll glücklich gemacht.«

02.04.2021 Lilly Günther Aussciht