07:17 Uhr I Bernd Herbon

»Jemand hat Rosenblätter gestreut. Blassrosa leuchten sie auf den Pflastersteinen des Wegs, der zum Olympiaberg hinaufführt. Offenbar ein Ort für Liebeserklärungen aller Art. Das passt zu meinem Plan, mich bei Sonnenaufgang erneut in meine Heimatstadt seit 24 Jahren zu verlieben. Doch ich bin an diesem Morgen nicht der Erste und Einzige auf dem Berg. Ein Jogger-Pärchen trippelt nervös auf der Stelle und liefert mir gleich die Wetterdaten: „A weng schattig heut“, sagt er mitfühlend zu seiner frierenden Begleiterin. „Der Himmel ist auch nicht so toll. Hoffentlich wird’s morgen schöner.“ Ein Ort der Hoffnung auf ein besseres Morgen war der Olympiaberg ja schon immer, seit er aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgetürmt wurde. Ich nehme meinen Posten neben dem Betonquader ein, auf dem ein Metallschild die Höhe vermerkt: 565,1 m ü. NHN. Darüber hat jemand mit Filzstift „Liebe Helga“ gekritzelt und zwei Herzchen dazu gemalt. Ob es der Rosenkavalier war? Ständig treffen neue Gipfelstürmer ein: alerte Herrchen mit morgenmuffligen Hunden, eine Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn um die Wette rennt. München bewegt sich. Unten auf den Straßen drängelt sich der Verkehr. Nur ich probe den Stillstand und lasse den Blick ins Weite schweifen. Krähen krallen sich in den Wind. Die Türme des Heizkraftwerks führen immer neue Hutkreationen aus Wasserdampf vor. Im Morgendunst sehen die Hochhäuser von Neuperlach aus wie ein modernes Stonehenge. Der Himmel öffnet ein Sonnenauge und erhellt die Sitzschalen im Olympiastadion. Sie tragen ein müdes Grün. Haben sie etwa schon Moos angesetzt in diesen eventlosen Zeiten? Kurz denke ich an die vielen inspirierenden Konzerte, die ich dort, in der Olympiahalle und auf dem Tollwood-Gelände erlebt habe. Im Musikzelt hat ein Literaturnobelpreisträger mal von einem mythischen Wachturm gesungen: „Princes kept the view / While all the women came and went / Barefoot servants, too.“ Prinzen sind heute nicht in Sicht. Barfüßige Bedienstete auch nicht. Dafür kommen und gehen Münchner Frauen in bunten Sportoutfits – zu zweit, zu dritt, allein. Eine Läuferin fasst sich ein Herz und spricht einen in Schwarz gekleideten Biker an. Er soll sie mit ihrem Handy vor der Stadtsilhouette filmen. Und schon wird der Olympiaberg zu Hollywood. Der Rennradler verwandelt sich in einen Regisseur, dirigiert und inszeniert. Die Lady mit den blonden Haaren springt juchzend in die Höhe und schlägt vor der Kameralinse sogar ein Rad. Der Sonnenscheinwerfer gibt alles, während sie die Rollen tauschen. Jetzt darf er der Star und Stuntman in seiner eigenen Bike-Show sein. Geht da a bisserl was im Selfie-Skript? Wohl eher nicht. Er verkündet, dass er sich „auf den Ingwertee im Büro“ freut. Sie findet, für sie werde es „auch langsam Zeit“. Schon bewegen sie sich wieder auf verschiedenen Umlaufbahnen. Für einen Moment bin ich für mich und bemerke die einsetzende Kältestarre. Noch ein letzter Rundblick. Zwischen den dunklen Wolken hinter dem Olympiastadion flammt ein farbiges Band. Es ist ein Regenbogen. Jetzt bin ich bewegt.«

17.02.2021 Bernd Herbon Aussicht