16:35 Uhr I Holger Hespelein

»Muss ein Türmer eigentlich schwindelfrei sein? Ich bin es ehrlich gesagt nicht. In geschlossenen Räumen macht mir Höhe nicht allzu viel aus – aber ein bisschen mulmig wird mir beim Blick in die Tiefe immer. Vielleicht doch ganz gut, dass ich heute nicht auf dem Dach der Philharmonie stehe, sondern in der Loggia unserer Erdgeschosswohnung. Ich schaue also nicht nach unten, sondern einfach geradeaus. Auf eine Straße, die keinen Namen hat und auf der keine Autos fahren. Ursprünglich war dieser Asphaltstreifen nur die Feuerwehrzufahrt zu unserer Wohnanlage, aber im letzten Jahr wurde daraus ein richtig langer Rad- und Fußweg. Er verbindet jetzt die Regerstraße im Westen mit der Balanstraße im Osten. Ein Kilometer Freiraum – mitten in der Stadt. An diesem grauen Februarabend sieht die Straße ohne Namen nicht besonders einladend aus. Die letzten Schneereste verwandeln sich langsam in grauen Matsch. Und die Schallschutzmauer zur Bahnlinie versperrt den freien Blick auf die Bäume im Ostfriedhof. Aber ich denke daran, dass auf dem Grünstreifen davor bald wieder Blumen blühen. Und sobald es wieder etwas wärmer wird, kehren auch die Skateboarder, Rollerfahrer und Inline-Skater zurück. Während meiner Türmer-Stunde ist es eher ruhig auf der Straße. Ich nutze die Zeit, um jeden einzelnen Passanten zu erfassen. In sechzig Minuten zähle ich: neunundneunzig Fußgänger, sechzehn Fahrradfahrer, zwölf Jogger, neun Hunde, sieben Kinderwagen, drei Laufräder, zwei Nordic Walker und ein Kind mit einem Tretroller. Gar nicht so einfach, sich alle Zahlen zu merken und niemanden zu verpassen. Aber mir hilft das auch, andere Dinge auszublenden und mich ganz auf die Situation einzulassen. Überraschend schnell ist die Stunde vorüber. Ich verweile noch einen Moment an meinem Platz und denke darüber nach, warum ich eigentlich Türmer werden wollte. „Mein Viertel einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten“ – das war das Ziel. Gerne wäre ich dafür auch auf die Aussichtsplattform im Gasteig gestiegen – trotz meiner leichten Höhenangst. Aber wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, von welchem Punkt aus ich auf die Stadt blicke. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Zeit ich mir für die Beobachtung nehme.«

15.02.2021 Holger Hespelein Aussicht