8:04 Uhr I Stephan Paul Stuemer

»Mit dem Rad spaziert, haltgemacht (getürmt) und nachgedacht:

Ich bin kein Türmer der gleich türmt. Najaa, wenn der Bauer uns Buben auf seiner Obstwiese erwischte, war fix abhauen durchaus angebracht. Heute nehme ich allerdings an einem Projekt teil, indem es um Performance geht. Dies ist eher nicht so mein Ding der künstlerischen Arbeit. Aber wie Neues gestalten, wenn man sich nicht auch mal auf anderes einlässt, gemeinsam, für- und miteinander aufstellt? Gerade jetzt, wo hierzulande Künstler sich nicht im öffentlichen Raum präsentieren dürfen, ja sogar unter Androhung von Gewalt so stark eingeschränkt werden, dass die notwendige Berufsausübung für einen selbst oder überdies die Finanzierung der Familie nicht mehr gewährleistet ist. Gerade jetzt, wo Onlinegedudel wichtige soziale Kompetenzen löscht. Ich mag analog bleiben! Und das ein riesiges Stück weit meiner Menschlichkeit.

Eigentlich hätte ich sichtbar als Person in einem Aussichtsraum auf dem Dach des Gasteigs stehen können. Jetzt ist es so, dass ich auf Grund der befohlenen Einschränkungen und nach knapp einem Jahr Coronamaßnahmen Innenräume eh überdrüssig bin und heute am Freitag, den o1.o1. 2o21 pünktlich um 8.o4 Uhr zum Sonnenaufgang für eine Stunde als erster Türmer Münchens im neuen Jahr (als Cooltyp in heutiger Zeit muss man ja immer #Erster sein) dreißig Meter direkt über der Isar und bei minus drei Grad Celsius auf bzw. in der Großhesseloher Brücke stehe. Einem „Münchner Stadttor“ mit gutem Weitblick flussauf- und abwärts. Anfange zu spüren, ja selbst jetzt im Winter hat man ein Umfeld inmitten von Grün. Und das mit einem Panorama auf eine Millionenstadt. #Umwelt ist jedoch medial im Verhältnis zu anderen Nachrichten grad nicht so gewichtig. Wie viel Verpackungsmüll wohl aufgrund des Schreckens Corona mehr produziert worden ist?

Diese Brücke ist neben dem Tourismus hauptsächlich für viele Heimische ein wichtiger Flussübergang. Privat, beruflich, egal ob mit dem Rad, gejoggt oder gemütlich als Zwei- oder gemeinsam mit seinem freundlichen Vierbeiner zu Fuß. Hier kann man immer wieder eine Schleife gen Norden oder Süden ziehen. Ergänzend hat man Gelegenheit kurz zu verweilen und kann schöne Erinnerungen abrufen. Das finde ich gut!

Diesen Standort habe ich auch deshalb gewählt, da er einen unmittelbaren Bezug zu einer meiner eigenen Arbeiten hat. Diese fing mit einer fotografischen Sichtweise des innerstädtischen Isarraumes an und entwickelte sich bis hin zu einem Magazin für Stadt, Land und Leute im gesamten Isarraum, die ISAR SICHT. So mache ich mir hier oben Gedanken über ein Interview mit Erich Rühmer, dem langjährigen Vorstand des Isartalvereins. Was frage ich ihn? Irgendein # wird da nicht ganz reichen.

Was geht mir noch durch den Kopf, gerade jetzt zu Beginn eines neuen Jahres und mit Rückblick auf das bereits erlebte? Zuallererst meine Söhne. Was wird sie Zwo21 erwarten? Inwieweit bricht man weiter in ihr Leben ein oder schränkt ihre Entwicklung weiter ein? Warum bin ich nicht systemrelevant? Wie kann ich motivieren?

Zu diesem Projekt gehört inhaltlich begleitend Fotos zu machen. Aussicht, Selbstportrait (#selfie :-). Natürlich habe ich mir als Meisterfotograf Überlegungen zur Blendeneinstellung an meiner Pocketkamera gemacht. Da man sich aber auch schnell mal von etwas blenden lassen kann, habe ich aus diesem Parallelgedanken heraus, diese handwerkliche Anforderung an mich selbst dies Mal sein gelassen. Für mich war es vielmehr wichtig, irgendwie einen Teil meines derzeitiges Gefühls zu zeigen: man ist draußen aber doch eingesperrt. Dennoch die Hoffnung auf gute Aussichten und Besseres nicht aufgibt. Ein toller Nebeneffekt ergab sich, als die Sonne über die Bäume kam und der Olympiaturm kurz, wie mit einem Leuchtfeuer ausgestattet, strahlte.«

Ihr Stephan Paul Stuemer (Künstler, freischaffend)

Text und Fotos: Paul Stuemer, 2021