»Das große WIR« – Türmer München feiert Abschluss

Über 100 Türmer*innen versammelten sich am Sonntagmorgen, den 12.12.2021, vor ihren Bildschirmen, um den letzten Türmer Max Schlegel live beim Ende seiner Stunde über der Stadt zu begleiten. Um 8:55 Uhr trat er aus dem Aussichtsraum auf dem Gasteigdach und winkte seinen Vorgänger*innen zu. Während er wie die 729 Türmer*innen vor ihm seine Erinnerungsspuren in das Türmer-Buch eintragen durfte, ging es in der Black Box weiter mit Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner und Robert Castellitz, Leiter des Veranstaltungsmanagements im Gasteig. Die beiden führten durch die große Abschlussfeier von Joannes Leightons Performance, die aufgrund der Corona-Pandemie – wie auch die Eröffnung und die drei Austauschtreffen zuvor – erneut virtuell stattfinden musste.

 

Joanne LeightonDas tat der feierlichen Stimmung an diesem 3. Adventssonntag jedoch keinen Abbruch. Vor allem gab es großen Applaus und Dank von allen für alle: »Dank Euch allen konnten wir dieses außergewöhnliche Projekt in diesen schweren und emotionalen Zeiten durchziehen! Man kann wirklich nicht genug Danke sagen«, begrüßte Robert Castellitz die Türmer*innen. Max Wagner hob hervor: »Ich freue mich, dass wir diesen Tag hier zusammen feiern können, es ist ein sehr emotionaler Tag. Und es ist ein großer Erfolg, dass wir diese Kette an Türmerstunden ununterbrochen leisten konnten, in diesen Zeiten!« Auch die Urheberin der Performance, Joanne Leighton, die von Paris aus zugeschaltet war, teilte ihre Gefühle mit den Türmer*innen: »Ich habe viele gemischte Gefühle heute. Es ist eine wunderbare Leistung, das Projekt mit all seiner Komplexität geschafft zu haben and Euch nun zumindest an den Bildschirmen zu sehen, aber ich wünschte natürlich, ich könnte bei Euch vor Ort sein.«

 

Nach einem Dank an die Unterstützer und Medienpartner von Türmer München, an alle Türmer*innen und vor allem auch Begleiter*innen sowie das Team des Gasteig, sahen sich alle zusammen anhand eines kurzen Films noch einmal den Weg der Türmer*innen von der Ludwigsbrücke bis hoch zum Aussichtsraum auf dem Dach der Philharmonie an. »Ich bekomme gleich wieder Gänsehaut«, hieß es im Chat sofort, nicht zum letzten Mal an diesem Morgen. Von Anfang bis Ende dieser Feier überschlug sich der Chat mit Danksagungen von Türmer*innen an ihre Begleiter*innen und an das Gasteig-Team, Glückwünschen untereinander und regem Austausch von Kontakten.

 

Aufbau AussichtsraumIn einem kurzen Rückblick zeichnete Max Wagner den langen Weg von der Entstehung des Projekts bis zu diesem Abschlusstag nach: Im August 2019 hatte Joanne Leighton zusammen mit Benjamin Tovo, dem Architekten des Aussichtsraums, zum ersten Mal in München den Gasteig besichtigt: »Schon da wussten wir alle, das wird etwas ganz spezielles«, so Max Wagner. Im Herbst 2019 begann dann die konkrete Planung im Gasteig, bei der organisatorische und vor allem baurechtliche Fragen geklärt werden mussten – ein langer Weg, bis die erste Türmerin dann am 12.12.2020 starten konnte: Lena Pauli. Sie hatte ihre Türmerstunde zum Geburtstag geschenkt bekommen und bekam auch an diesem Abschlusstag ein virtuelles Geburtstagsständchen. »Ich hätte mir dieses Geschenk definitiv auch selbst gemacht, wenn mir nicht schon jemand zuvorgekommen wäre«, resümierte Lena über ihre Türmerstunde vor genau einem Jahr. »Eine Stunde mal abzutauchen, war nicht so üblich in meinem Leben zu diesem Zeitpunkt. Seitdem wünsche ich mir das immer mal wieder: einfach ans Fenster stellen, rausschauen, Telefon und Internet ausstecken …« Wie viele nach ihr musste Lena aufgrund der Corona-Bestimmungen von zuhause aus türmen. Knapp drei Monate sollte es dauern, bis am 8.3.2021 der erste Türmer endlich aufs Gasteigdach durfte: Ralf Bacher. Ein Nachholmarathon im August ermöglichte dies dann schließlich noch einmal allen Zuhause-Türmern.

 

Dann wurde es feierlich, denn was sich schon in den Austauschtreffen zuvor bewährt hatte, wurde hier nochmals zelebriert: Die fünf Begleiter*innen Brigitte, Gerhard, Lea, Wolfgang und Uli lasen eine Auswahl an Türmer-Texten aus dem vergangenen Jahr vor, dazu gab es ausgewählte Aussichtsbilder zu sehen, die den Verlauf der Jahreszeiten während dieses Projekts wunderbar illustrierten. Eine andächtige Stimmung erzeugten die Bilder mit ihren vielen unterschiedlichen Details und der unterschiedlichen Wahrnehmung der einzelnen Türmer*innen und Tage. »Viel Energie, viel Ruhe und viel Kraft erzeugen diese Fotos«, so Robert Castellitz dazu.

 

MaxIn einem kurzen Interview mit Max Schlegel, der inzwischen aus dem Türmer-Stübchen in die Black Box gekommen war, betonte dieser als letzter Türmer noch einmal: »Diese Stunde hat mich sehr bewegt, ich habe viel gelernt. Erst habe ich nur einzelne Menschen, Tiere, Dinge wahrgenommen, dann kamen immer mehr die Gemeinsamkeiten: von Einsamkeit zu Gemeinsamkeit, das war mein Gedanke. Ich hatte zunächst die Augen geschlossen, dann den Raum selbst erkundet, und dann war die Scheibe nicht mehr da: Ich bin rausgetreten in die Stadt, gedanklich. Alles hat sich ineinander verwoben mit der Zeit, meine Gedanken und Erinnerungen – ich war in den tollsten Gegenden von München, war mit den Menschen verbunden, war in den Bergen und bin mit der Isar wieder in das Tohuwabohu der Stadt zurückgekommen. Der Ausblick war toll und der Perspektivwechsel ein Phänomen, was man dadurch alles entdecken kann! Am Schluss hat mir eine Frau zugewunken, das war eine schöne Erfahrung und ein Gefühl von: München hält zusammen.«

 

Nach einem kurzen Austausch in Kleingruppen wurden zum Abschluss in großer Runde noch letzte Fragen beantwortet und zugleich neue aufgeworfen: Wie können wir uns nach diesem Projekt auch weiter mit den Menschen in unserer Stadt verbinden? Weiter über die Stadt wachen? Die Gemeinschaft aufrechterhalten, die hier entstanden ist? Max Wagner machte dazu deutlich: »Nicht nur die Pandemie, auch Themen wie der Klimawandel machen uns deutlich, dass wir gemeinsam verantwortlich sind für den Ort, an dem wir leben, für die Welt, für den Planeten. Die Türmer-Idee ist ein tolles Sinnbild dafür. Wir können uns auch in Zukunft immer aufmerksam fragen: Wo können wir uns gemeinsam engagieren in unserer Stadt?« Robert Castellitz bekräftigte diese Idee: »Jetzt liegt es an uns allen, da weiter zu machen und sich zu fragen: Wie bleibe ich weiter wach für meine Stadt?« Joanne Leighton resümierte: »Wir haben in der Pandemie gesehen: Wir können auf die sich verändernden Zeiten antworten, auf die neue Situation reagieren. Die Frage ist: Wie können wir die Energie der Türmer*innen jetzt erhalten? Es ist auf jeden Fall möglich, diese Verbindung aufrechtzuerhalten, sie existiert bereits zwischen uns. Und auch in anderen Städten geht es weiter, über die Stadtgrenzen hinaus – eine abgeschlossene Performance, die aber in uns und in der Welt weiterlebt!«

 

Staudenmeier AussichtZeuge davon waren schon gestern die vielen Türmer*innen im Chat, Menschen, die sich zuvor nie begegnet waren und nun Teil eines großen gemeinsamen Projekts sind, die sich zum Schluss gar nicht verabschieden wollten und sich schwertaten, den gemeinsamen virtuellen Raum an diesem Morgen zu verlassen. Eine tolle Gemeinschaft ist in diesem Jahr hier herangewachsen, und so sagen wir vom Türmer-Projektteam des Gasteig vielen herzlichen Dank Euch allen für dieses wunderbare Jahr und hoffentlich auf bald in unserer Stadt!

 

Schließen wollen wir aber mit den Worten unseres letzten Türmers Max Schlegel und den damit zugleich abschließenden Worten unseres Türmer-Blogs: »Aus Einsamkeit wird Gemeinsamkeit. München erwacht und der Türmer lacht. Ich schließe dieses wunderbare Projekt ab und danke allen Mitwirkenden für das große WIR!«