15:21 Uhr I Michaela Angermair

»Wann gehört Dir schon eine Stunde ganz allein – Du rauschst mit vollen Segeln aus dem Alltag in die Kanzel, die über der Stadt zu schweben scheint, und bist plötzlich allein mit Dir und ohne Uhr (außer auf den Kirchtürmen) und ohne Handy. Braucht Zeit, hier anzukommen! Die Gedanken wollen noch wegflitzen, statt dass der Geist aufs Hier und Jetzt fokussiert. Ist er nicht gewöhnt.
Dann stellt sich die Idee ein: Was kann ich dann anschließend zu Protokoll geben von dieser einmaligen Stunde in meinem Leben. Denn das ist ja »Part of the deal«, sich zu äußern.
Also, es blieben hängen: Ein Wimmelbild unter mir, die Baustelle auf der Brücke, ein Mann karrt irgendwelche roten Kanister auf einer »Scheibentruhe« an (so nenn ich sie jetzt, damit nicht – Achtung Wortwiederholung: er etwas auf der Schubkarre ankarrt). Was er mit den Kanistern macht, nachdem er mit einem Schlüssel einen Kanaldeckel geöffnet hat, weiß ich nicht, denn es wimmelte weiter, und ich hab woanders hingeguckt.
Dann, 2. Beobachtung: Die 61-jährige Münchnerin in mir entfacht einen internen Wettbewerb, alle Kirchtürme zu erkennen, derer sie einsichtig wird, und am besten jedes Bauwerk zuordnen zu können. Zum Glück verlässt mich dieser Wahn im Lauf der Zeit.
Dann stelle ich, 3., fest, dass ein Schnee-/Graupel-Sturm von Norden aufzieht, hübsche Flöckchen vor der Glasscheibe tanzen, während im Süden/Südwesten, wo sich Berge andeuten knapp unter Wolkenfetzen, noch Licht auf der Landschaft liegt. Höherer Standpunkt zahlt sich also aus durch längeren Genuss von dem, was man gemeinhin »gutes Wetter« nennt. Dann kommen die Wolken aber über die ganze Stadt, wie im Adventskalender die Türchen sich öffnen, so geht in einem schönen alten Haus auf der gegenüberliegenden Isarseite ein Lichtchen nach dem anderen in den Fenstern an. Und der Blick wird immer weiter eingegrenzt: Wo vorher noch Olympiagelände und O2-Tower sichtbar waren: eine graue Wand.
Überrascht hat mich, dass zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs noch relative Helligkeit herrschte – hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Und daraus folgte die Frage: Wer legt eigentlich fest, wann angeblich wo der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs gekommen ist. Logisch: die Sonne verschwindet hinter dem Horizont, das ist die Bedingung (die ich mangels passendem Wetter nicht persönlich erleben konnte). Aber: Der Blick auf den Horizont hängt ja vom Winkel ab, also – falsche Idee? – kann doch nicht für alle Münchner zum selben Zeitpunkt die Sonne untergehen, oder?«

 

Angermair Aussicht