15:54 Uhr I Christiane Pfau

»Allerheiligen, Winterzeit. Grau-nasse Dämmerung. München leuchtet nicht. München hat Schmerzen. Wie eine alte Ex-Diva nach zu vielen verunglückten Schönheits-Operationen und zu viel verrutschtem Botox. Bruno Ganz sitzt auf dem Turm vom Müllerschen Volksbad und schaut mitleidig hinunter auf die malträtierte Ludwigsbrücke und die Rosenheimer Straße, die gerade im Würgegriff aus totalem Chaos und irrer Reglementierung stöhnt: gestrichelte Linien, durchgezogene, durchgestrichene, Pfeile, durchgestrichene Pfeile, die Leute stehen herum, finden sich nicht zurecht. Ich bin nicht sicher, ob die Stadt Türmer, Wachleute, Aufpasser braucht. Ich glaube, sie braucht Schutzengel, viele, die auf leisen Schwingen über die Stadt gleiten und überall verstreuen, was sie unter ihren Fäden in kleinen Säckchen unauffällig mit sich führen: Anarchie-Saatgut, dass sie dort fallen lassen, wo es Not tut: in Fenster hinein, vor Hauseingänge, in die Kamine, in die Hinterhöfe, auf Baustellen und mitten auf die Straßen mit ihren vielen Barrikaden. Morgen schon wird hier die Münchenblume keimen, und die Menschen werden andere sein. Glückliche Münchner. Ach.«

 

Christiane Pfau Aussicht