17:05 Uhr I Marco Schmidt

»Was für eine wundervolle Chance, ein besonderes Jubiläum zu feiern! Vor genau 500 Monaten bin ich nach München gezogen – und nun wache ich als Türmer über meine Wahlheimat; ich schwebe quasi über der Stadt, in einem zauberhaften Zimmer mit Aussicht, und blicke auf das Gewimmel und Gewusel zu meinen Füßen, auf Kirchtürme und Kräne, Bergketten und Bauarbeiter, Beton-Blöcke und Asphalt-Adern, gigantische graue Wolken und ein winzig wirkendes Riesenrad am Horizont. Mehrmals erlebe ich dabei wahrhaft magische Momente, wenn die Sonne es wider Erwarten schafft, die Wolkendecke zu durchdringen: Dann taucht sie die Farbenpracht der Baumwipfel, die man von oben besonders gut bewundern kann, in ein überwältigendes Abendlicht – als wollte sie beweisen, dass der Herbst doch die schönste Jahreszeit ist.

Zu meinem neu gewonnenen Überblick gesellt sich ein gewisser Übermut, der die Gedanken Kapriolen schlagen lässt: Warum merken die meisten Autofahrer offenbar nicht, dass sie mit dem Rad viel schneller vorankommen würden? Und wie viele Türmer sind eigentlich vor ihrer Verantwortung getürmt? Immerhin mussten sie einst ihre Stadt vor Feuersbrünsten und feindlichen Angriffen warnen. Bei mir hingegen steht nur der Himmel am Horizont in Flammen – und ich werde bloß sanft dazu gezwungen, eine Stunde lang innezuhalten. Diese Stunde entpuppt sich als großes Geschenk. Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: So ein Wechsel der Perspektive täte jedem gut! Von hier oben, vom Gasteig-Gipfel aus, erscheint dank der nötigen Distanz so manches Problem „plötzlich nichtig und klein“, um Reinhard Mey zu zitieren.

Es passt perfekt, dass ich diese spezielle Stunde ausgerechnet auf dem Dach eines Hauses verbringen kann, mit dem ich unzählige schöne Erlebnisse verbinde. Hier habe ich im Laufe von dreieinhalb Jahrzehnten Hunderte von kulturellen Veranstaltungen besucht. In mehreren Gasteig-Sälen stand ich selbst auch schon auf der Bühne – als Klavierbegleiter für diverse Sängerinnen. Und in den Räumen der Stadtbibliothek habe ich beispielsweise Anfang der 90er jedes Jahr im August die Fragen des SZ-Rätselrennens geknackt. Erinnerungen werden wach: an Zeiten, in denen man zum Recherchieren noch nicht ins Internet ging, sondern in Bibliotheken…

Wie hat sich die Welt seither verändert? Wie hat sich die Stadt seither verändert? Wie können wir verhindern, dass München in Zukunft zu einem Spekulationsdorado für profitgierige Immobilienhaie verkommt? Wie können wir alle dazu beitragen, dass München auch weiterhin leuchtet, lebens- und liebenswert bleibt? Während meiner Türmer-Stunde wird mir allmählich wieder bewusst, wie sehr mir meine Wahlheimat in den vergangenen 500 Monaten ans Herz gewachsen ist. Ich bin froh, Teil dieses lebendigen Stadt-Organismus  zu sein – und Teil dieses inspirierenden Türmer-Projekts. Vielen herzlichen Dank an alle, die das möglich gemacht haben!«

 

Marco Schmidt Aussicht