07:01 Uhr I Isabel Krämer-Kienle

»Im Vorfeld dachte ich, ich würde sehen, wie die Stadt erwacht. All diese Menschen, die dann schon dafür sorgen, dass das Leben in der Stadt pulsiert, während ich mich noch einmal im Bett umdrehe. Aber dafür war meine Türmerstunde schon zu spät. Stattdessen zog sich schon der Verkehr wie ein Wurm durch die Straßen, Menschen hetzen und eilen. Der Geräuschpegel erreicht auch mich. Die Gebäude um mich herum haben einen unsichtbaren Umhang und lassen diesen Wahnsinn stillschweigend über sich ergehen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, ich würde in dem kleinen roten Turm sitzen mitten auf der hölzernen Isarbrücke – damals – als München begann, groß zu werden. Ich halte Ausschau nach Gefährten, die zum Markt streben, um mich herum spielen Kinder, Leute gehen zu Fuß. Sie müssen sich um das Notwendigste kümmern, wie weit sind wir davon entfernt  – aber ich stehe in meinem geschützten Raum hoch über der Stadt und ich gehöre nicht dazu, bin stiller Beobachter. Keiner geht zu Fuß und die paar, die es tun, haben es eilig. Wie wäre es – die nächste Performance: Ein Tag ohne Verkehr in den Städten weltweit! Ein Tag zum Luftholen. Wir würden an der Isar flanieren und Cappuccino trinken… Um halb acht geht die Sonne richtig strahlend und hell auf und leuchtet auf all die historischen Gebäude. Sie werden groß und strecken sich selbstbewusst in den Himmel – der  Friedensengel leuchtet golden. Die Wärme und das Licht vertreiben meine dunklen Gedanken, Fortschritt hat doch auch sein Gutes! Und doch bleibt die Illusion oder mehr der Wunsch – wie überwältigend und noch überwältigender wäre die Stunde gewesen an einem Tag der Stille. Raus aus dem geschützten Raum schmeiße ich mich wieder ins Leben. Danke!«

22.09.2021 Isabel Kraemer-Kienle Aussicht