06:55 Uhr I Paolo Holinski

»Das war sie also, meine Türmer-Stunde. Die Aussicht ist wirklich spektakulär. Am Horizont sieht man schemenhaft Windkraftanlagen. Man sieht das Kraftwerk an der Isar, das Deutsche Museum, die Frauenkirche, das Olympiastadion, die BMW-Zentrale. Der Windrichtungsanzeiger auf dem Dach des Müllerschen Volksbads und die Ziffernblätter an den diversen Kirchtürmen der Stadt glänzen wunderschön rosa-golden in der Morgendämmerung, um dann später fast zu blenden. Überall stehen Kräne, es wird viel gebaut. Ein paar Tauben sitzen auf den Dachgiebeln über der Stadt. Aber fast interessanter als den Blick in die Ferne, finde ich den Blick nach unten. Auf die Baustelle, die still daliegt. Und die Kreuzung, die immer mehr zum Leben erwacht. Ich sehe Jogger*innen, Radfahrer*innen, Fußgänger*innen – mit und ohne Hund –, die vorbeiwuseln wie Miniaturen. Die Menschen in den Autos und Lastkraftwagen kann ich nur teilweise sehen. Auf der Scheibe vor mir sitzt eine Wespe, die mich die ganze Stunde still begleitet hat.
So gehen alle irgendwie ihrer Wege.
Was sie wohl in dieser Stunde gedacht haben?
Ob mich wohl jemand bemerkt hat?«

 

Paolo Holinski Aussicht