19:18 Uhr I Gerhard Reisnecker

»Im Vorfeld habe ich bereits öfter überlegt, was ich wohl in dieses Buch schreiben werde, aber während der Stunde wurde mir klar, dass ich am besten die Kerngedanken dieser einen Stunde einfach so festhalte. Also zuerst einmal ist das Herantasten an diesen nur durch die dünne Glasscheibe getrennten Abgrund sehr beeindruckend und bewegend. Dann schweift der Blick über den Horizont, zuerst allgemein, nach kurzer Zeit aber fokussierend auf Details. Die neuen kupfergedeckten Dachgauben auf dem Haus links gegenüber zeigen, dass hier jemand an etwas Langfristigem interessiert ist. Ganz München scheint im Wandel, das zeigen die 42 Baukräne, die ich im Halbrund zähle. Oh, da ist ja noch eine Wespe mit mir herin zu Gast. Ich hoffe, sie geht mir aus dem Weg. Durch die Wolken scheint ein steter Strahlenkranz genau über dem Turm des Müllerschen Volksbads zu stehen. Mein Gott, eine fantastische Aussicht, aber wohnen möchte ich hier nicht – zu laut. Obwohl wegen der Sommerferien jetzt bestimmt weniger Verkehr herrscht. Welch ein Segen, in dieser Stadt leben zu dürfen, die nicht nur solche Kunstprojekte unterstützt, sondern auch noch so umsichtig ist, die Trambahnschienen auf der Baustelle unten zu verfüllen, damit die Zweiradfahrer nicht hängenbleiben und stürzen. Plötzlich bricht der Feuerball mit aller Macht durch eine Wolkenlücke und erzeugt eine spiegelnde Spur über den Dächern der Stadt. Nur kurze Zeit später sinkt er wieder hinter die Wolkenfront am Horizont und es wird dunkler. Erste Lichter gehen an und ich sehe zum ersten Mal das Riesenrad, bunt beleuchtet zwischen Frauen- und Theatinerkirche. Die Stunde ist um und die Wespe darf zusammen mit mir wieder hinaus in das normale Leben. Herzlichen Dank an alle Mithelfenden für dieses einmalige Erlebnis, auf das ich jetzt genau 170 Tage nach der Anmeldung gewartet habe.«

19.08.2021 Gerhard Reisnecker Aussicht