05:26 I Anja von Wins

»Ganz Vieles ist mir durch den Kopf gegangen, bis ich mich so ganz aufs Schauen konzentrieren konnte. München, die Stadt, in der ich geboren wurde, wo ich zur Schule ging und später studiert habe, in dessen Umland ich mein ganzes Leben lang gewohnt habe, dieses München aus einer neuen Perspektive zu sehen, das war mir gerade eben möglich. Aus dieser Perspektive erinnerte mich die Stadt an ein Wimmelbild, aber ganz statisch: Kirchtürme, Häuser und viele Kräne. Ganz wenig Bewegung, einige Vögel flogen vorbei und es tanzten auch Insekten vor mir, ein einziges Flugzeug in dieser Stunde und ein paar Autos, noch weniger Menschen zu Fuß oder auf dem Rad. Die Stadt so ruhig und unbewegt zu sehen, lässt auch mich ruhig werden – ein sehr schönes Gefühl. Was mich jedoch am meisten fasziniert hat, war der Unterschied zwischen Helligkeit und Licht, den ich erlebt habe. Als ich den Turm betrat, war es schon hell, der Himmel in einem zart pastelligen Farbband, das von Rosé über zartes Violett ins Blau lief. Plötzlich erste rote Spiegelungen an Fassaden und dann erst kam Licht. Damit zogen sich die Farben zurück, wo sie vorher sich zart aneinandergeschmiegt hatten, zogen sie sich zu einer Fläche zusammen. Und die Sonne setzte leuchtende Akzente auf Gebäudeteile, helle Leuchtflecken auf die Baumkronen. Je weiter sie hochsteigt, denke ich mir, umso mehr lässt sie die ganze Stadt teilhaben. Eine solche Stadt, die mir soeben einen glücklichen Moment geschenkt hat.«