05:24 Uhr I Benjamin Friedrich

»Von weit oben auf die Heimatstadt zu blicken, ist ein guter Moment, sich zu verorten, den Platz zu finden, den man in dieser Stadt einnimmt. Ich sehe vom Dach des Gasteig aus eine Stadt, bedeckt von einer unsichtbaren Glocke aus Gemütlichkeit, „Mia san mia“ und Bierseligkeit. Eine „unliterarische“Stadt, wie Thomas Mann sie genannt hat, profaner ausgedrückt, eine oft langweilige Stadt. Aber auch eine an so vielen Stellen wunderschöne Stadt mit nicht immer ruhmreicher, aber bemerkenswerter Geschichte. Ich bin gerne ein Teil von Ihr, auch wenn sie es mir oft schwer macht, diesen meinen Platz zu finden, an dem ich mich ihr wirklich zugehörig fühle. Heute Morgen hab ich ihn schnell entdeckt. Es ist der Turm des Müllerschen Volksbads, an dem eine Regenbogenfahne im Wind tanzt. Sie ist für mich in diesem Moment ein Symbol dafür, dass eine Stadt, eine Gesellschaft, das sein kann, was wir aus ihr machen wollen. Sie kann aus amoralischen Spekulanten, engstirnigen Bierdimpfeln und Egoisten bestehen, aber auch aus Offenheit, Toleranz und Akzeptanz für das Leben, die Träume und die Ängste anderer Menschen. Das ist literarisch, aufregend und der Ort, zu dem wir diese Stadt jederzeit machen sollten.«

08.07.2021 Benjamin Friedrich Aussicht