20:13 Uhr I Antonia von Wins

»Ich habe mich für das Türmen angemeldet, weil ich einen schönen Sonnenuntergang über München sehen wollte, bei dem ich ungestört bin. Dass ich eine so intensive Erfahrung haben würde, hätte ich nicht gedacht. Meine Stunde hat bewölkt begonnen, ich konnte das Gezwitscher der Vögel hören, und umher fliegende Insekten sehen. Wenn ich nach unten geschaut habe, konnte ich einige Spaziergänger, Straßenmusikanten und den Straßenverkehr sehen, allerdings bin ich anfangs keinem Menschen aufgefallen. Seine eigenen Gedanken so frei und ungestört durchdenken zu können, fehlt häufig im Alltag. Das Gefühl für die Zeit habe ich bis ca. zur Hälfte meiner Türmerstunde völlig verloren, bis ich von den Kirchenglocken aus meiner eigenen Realität in die wirkliche Realität zurückgeholt wurde. Ab diesem Zeitpunkt habe ich versucht, meine Gedanken zu sammeln und nur noch zu beobachten. Mit der Zeit bin ich zwei Pärchen aufgefallen, die mir sogar gewunken haben, das hat mich glücklich gemacht und aus der ungewohnten Einsamkeit herausgeholt. Gegen Ende ist das Wolkenmeer völlig aufgerissen und ich konnte einen riesigen Feuerball beim Untergehen beobachten. Diese Erfahrung war für mich sehr wichtig, da ich gemerkt habe, wie sehr ich diese Zeit für mich und meine Gedanken gebraucht habe. Diese Achtsamkeit, die man beim Türmen erlebt und die gleichzeitige Freiheit ist unbezahlbar und ich werde versuchen, dies mehr in meinen Alltag zu integrieren.«

07.07.2021 Antonia von Wins Aussicht