05:19 Uhr | Lena Kettner

»Das Erste, was mir auffällt, ist die Regenbogenfahne über der Uhr am Müllerschen Volksbad. Und ein Kran im Hintergrund, der abwechselnd in allen Farben des Regenbogens erblinkt.
Der Blick durch dieses ganz besondere Fenster auf die  Stadt München ist absolut überwältigend. Friedlich liegt sie vor einem – meine Lieblingsstadt in Deutschland, in der ich nun schon seit 2010 lebe. In den ersten zehn Minuten fällt es mir gar nicht so leicht, mich nur mit mir selbst und mit meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Dabei liebe ich es eigentlich seit jeher tagzuträumen. Doch gerade als Kulturbloggerin ist der Griff zum Handy und der unbedingte Wunsch, jeden Moment in einem Bild festhalten zu wollen, mittlerweile zur Normalität geworden.
Doch hier oben stellt sich nach rund 15 Minuten etwas ein, was in der Realität da unten absolut unmöglich geworden scheint. Ein Zustand vollkommener innerer Ruhe und Gelassenheit. Ein Moment des Innehaltens, in dem ich ins Nachdenken komme über all das, was mir trotz Lockdown und Einschränkungen im vergangenen Jahr an positiven Erinnerungen in den Sinn kommt. Erinnerungen an stundenlange Spaziergänge, spontane Telefonate mit Familienmitgliedern und Freunden, Erkundungstouren durch München, und daran, wie schön es sein kann, wenn man das eigene Leben nicht Wochen im Voraus bereits verplant hat. Hoch über den Dächern Münchens sieht es um 5:19 Uhr morgens ein bisschen so aus, wie zu den Zeiten des ersten Lockdowns in der Stadt von April bis Juni 2020. Nur wenige Autos fahren die Straßen entlang, kaum eine Menscheseele ist dort zu sehen. Doch man weiß, wie sich diese Stadt in spätestens einer Stunde wieder mit tausenden von Menschen füllen wird – besonders jetzt, wo auch noch die Homeoffice-Pflicht wieder ausgesetzt wurde.
Was bleibt von diesem Corona-Jahr, nachdem man gerade schon wieder den Eindruck hat, dass es so hektisch weitergeht, wie zuvor? Werden wir unsere neugewonnene Sensibilität füreinander beibehalten und uns künftig anders begegnen? Ich wage es zu bezweifeln, wenn ich von hier oben sehe, dass alles seinen gewohnten Gang geht, wie zuvor. Ich wünschte jeder und jede hätte einmal die Gelegenheit, eine Stunde ihres Lebens über den Dächern des Gasteig zu verbringen – um dort gezwungen zu sein, sich mit sich selbst und seinen Wünschen, Träumen, aber auch mit seinen eigenen Schwächen zu konfrontieren. Um dann gestärkt und mit viel positiver Energie wieder hinaus ins echte Leben zu gehen.
Was würde wohl passieren, wenn man diesen Aussichtsraum künstlich mit Leben füllen würde? Wenn man zum Beispiel dort ein 1:1 Konzert für einen Zuschauer oder eine Zuschauerin organisiert oder eine morgendliche Yoga-Session veranstaltet? Ich glaube, der Effekt, der sich durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst heute morgen bei mir einstellte, wäre nicht derselbe. Man würde diesen kargen und doch so hellen Raum gar nicht mehr wahrnehmen, da er zur Kulisse für ein Entertainment-Programm mutieren würde.
Ich bin froh, dass sich die Künstlerin dazu entschieden hat, ihr Langzeitprojekt auf diese Art und Weise zu betreiben – und ich bin sehr gespannt darauf, die anderen Türmer und Türmerinnen bei dem großen Abschlussfest im Dezember kennenzulernen.«