5:12 Uhr I Astrid Werner

»Guten Morgen, München,
wie geht’s Dir,
hast du gut geschlafen heute Nacht,
ich stehe hier, hier und halte Wacht.

Der Hinweg lässt mich erinnern, früher kam ich manchmal um diese Zeit erst heim, zuviel getrunken, zuviel laute Musik, hohes Summen im Ohr … Um wie viel besser geht es mir heute morgen, die Amseln singen irgendwie lauter, die Luft ist frischer, der Kopf klar. So freudig aufgeregt, erwacht, viel zu früh; ja nicht verpassen; seit 3 Uhr bin ich bereit. So eine Freude: nachgerückt auf einen Platz als TÜRMER.

Danke liebe Joanne für diesen Kasten, diese Idee, in so vielen Städten. Schön, dass ich Teil hiervon sein kann. Wie entsteht so eine Idee; daraus ein Projekt, von so vielen Menschen mit getragen.

Das erste Gefühl unbeschreiblich. Mein München liegt vor und unter und neben mir. Ein ganz besonderer Ort, besonderer Tag. Ein Ort in der Stadt wie jeder andere; gleich gut, gleich viel wert. Es ist die Vergänglichkeit, die ihn hervorhebt, die Exklusivität, der Standort!

Ich träume oft vom Fliegen. Auf Augenhöhe mit den Mauerseglern, Möwen, Enten, Eichelhähern – warum rast die Zeit denn so – das erste Leuchten auf Kirchturmspitzen und Zifferblättern. Die Zugspitze löst sich aus dem Hintergrund. Jede Minute mehr Licht und Leuchten. Der Jogger ist motivierter als sein Hund, der Stadtwerke-Lieferwagen hat Blumen auf der Ladefläche. Wo werden sie gepflanzt? Ich sehe so viele Kräne … unglaublich. Da vorne links schläft mein Bruder. Warum treffe ich ihn so selten? Ein großes Mitgefühl für meine Mitbewohner dieser Stadt umfängt mein Herz. Ich segne diesen Ort, ich segne diesen Tag, möge er für jeden voller achtsamer Momente sein.

Als Stadtführerin kenne ich deine Geschichte so gut. Warum denke ich jetzt an den Schwedeneinfall? Napoleon? Die Wittelsbacher. Ich liebe meine Stadt, so viele Erinnerungen. Vom ersten Atemzug dort drüben in der Maistraße bis heute. Ein kleines Leben in so einer langen Ruhe. Und wir haben gute Zeiten.

Früher wäre ich jetzt traurig und selbstmitleidig gewesen, dass der Gasteig so lange zumacht. Hier bin ich doch mindestens 2x die Woche, treffe so viele nette Menschen. Mit unserem Sohn so viele Jahre Bücher, Spiele, CDs geliehen. Manche immer und immer wieder. Und heute – seit ich 50 bin – habe ich mehr gelernt, im Hier und Jetzt zu sein. Der Augenblick ist der einzige Moment, den es gibt. Der Rest ist Drama.

Vielen Dank, liebe Erde, dass du dich – auch heute wieder – der Sonne zudrehst und mir diesen UNVERGESSLICHEN Sonnenaufgang beschert hast.

Danke, Doris, für deine zugewandte und aufmerksame Begleitung.«

 

Astrid Werner Aussicht