20:06 Uhr I Gisela Wesche-Nielsen

»Eine große Freude und ein Experiment, an dieser Stelle hoch über der Stadt zu stehen. Ich sehe nur 2% und nur auf einem Auge und nur in der Peripherie. Als erstes versuche ich, die Türme zu identifizieren. Ich nehme mein Fernglas und die Türme kommen der Türmerin entgegen. Aber wieviel visuelle Kontrolle brauche ich noch? Die Frauenkirche gibt mir am meisten Halt. Die ganze Zeit höre ich laute Rockmusik. Es ist das pralle Leben nach dem Lockdown. Ich setze meine eigenen Töne dazu. Ich singe ohne Text und der Raum hat einen feinen Hall. Die Töne fliegen mir um die Ohren. Zwischendurch rieche ich den feinen Holzgeruch – immer wieder, denn die Sonne hat den Raum aufgeheizt wie eine Sauna. Ich schicke meine Töne über die Stadt wie ein Muezzin. Was will ich der Stadt sagen? Wen oder was will die Wächterin bewachen? In dieser einen Stunde in der ich hier stehe würde ich, wenn ich könnte, dafür sorgen, dass in dieser einen Stunde kein Kind geschlagen oder angeschrien wird. Was für eine Machtfantasie… Die Sonne kommt hinter der Frauenkirche herunter und zwischen den Wolken entstehen Feuerstreifen – wie flüssige Lava. Nur in dieser einen Minute in diesem Jahr sieht der Himmel genau so aus. Dieser Augenblick – wie kostbar.«

02.06.2021 Gisela Wesche-Nielsen Ausicht