05:16 Uhr I Tonja Dingerdissen

»Guten Morgen München! Ich stehe hier auf der Türmer-Aussichtsplattform und es ist einfach wunderschön. Fast kitschig, rosa Wolken, blauer Himmel, goldenes Licht, zwei Schwäne spannen die Flügel und fliegen Richtung Frauenkirche – kitschig eben. Doch da habe ich noch gar nicht erwähnt, dass man heute auch die Berge sehen kann! Ich blicke auf sehr viel Grün: die Isar zieht sich wie unsere Lebensader quer durch die Stadt und wo sie fließt, da ist auch Leben. Dabei ist die Isar ein bisschen wie München selbst: groß aber doch nicht so richtig sehr groß, ruhig – manchmal wären ein paar mehr Wellen vielleicht ganz schön -, und aus einem unerklärlichen Grund sauberer als man vermuten würde. Und das Wichtigste: wenn man sich mal an ihren Ufern niedergelassen hat, dann zieht es einen doch immer wieder dahin zurück. Auf der Straße unten hupt ein Auto und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. „Obacht!“ schreit eine – sehr bayerische Stimme in mir. Kaum sitzt man im Biergarten oder tauchen die Alpen aus dem Dunst in der Ferne auf, entdeckt doch jeder nicht-vorhandene bayerische Wurzeln wieder, oder? Ich lasse meinen Blick wieder schweifen – ich hab hier ja schließlich eine Aufgabe – und mir fällt auf, dass ich, wenn ich den Blick von rechts nach links wandern lasse, mein Leben in München sehe. Angefangen im Münchner Norden hat mich mein Weg über die Schulzeit und das Studieren immer weiter in den Münchner Süden verschlagen, Freimann bis Sendling. Windrad bis Kraftwerk. Nur, wo geht es von dort aus hin? Ich erkenne die Viertel, die ich vor mir sehe: Lehel, Altstadt, Glockenbach, Haidhausen… Ich sehe sie als aktiv WG-/Wohnungssuchende täglich auf einer Karte. Mir wird in diesem Moment klar, dass ich in der Nähe dieser Lebensader Isar bleiben will – egal ob Nord oder Süd oder Mitte. Das Glockenbachviertel sieht schon toll aus! Langsam wird es lauter unter mir, wuseliger. Erst war der Himmel noch verträumt rosa, dann ging kurz ein rotes Leuchten durch die Stadt – wie eine Warnung – und jetzt ist es plötzlich mit einem Mal hell. Der Tag hat begonnen und lässt sich nicht mehr aufhalten. Ich blicke nach unten und weiß, dort warten auf mich die Suche nach einer Wohnung, einem Job und eine fertig zu stellende Soziologie-Masterarbeit. Ich bin gespannt, was mich erwartet: lässt das Schicksal mich noch eine Weile in dieser Stadt bleiben oder beginnt mein letzter München-Sommer? Die Stunde war zu schnell vorbei, die Tür geht auf und mit meiner Begleiterin bahnt sich auch der Geruch des neuen Tages einen Weg zu mir: es riecht frisch, warm und sonnig. Es riecht nach einem Freibad-Sommertag und Grillen an der Isar, Schafkopfen im Biergarten und Baden im Eisbach. Ich liebe diese Stadt, auch wenn sie es einem nicht immer leicht macht.«

02.06.2021 Tonja Dingerdissen Aussicht