19:59 Uhr I Ilya Portnoy

»Warten auf den Wolkenbruch. Ich betrete meinen gläsernen Kasten mit der Hoffnung auf einen schönen Sonnenuntergang über der Stadt. Von der Sonne ist allerdings kaum etwas zu erblicken. Dafür zeigt sich das Himmelszelt in allerhand Farben. Über dem Olympiapark wird ein trübes Gelb von vielen Fäden aus Regen durchzogen, es scheint hier ein Polarlicht zu strahlen. Der erste Blick fällt aber – natürlich – zentral auf die Frauenkirche mit ihren berühmten Türmen. Hier wird die Sonne sich später noch kurz zeigen. Doch erst einmal ist alles ziemlich düster und wolkenbedeckt. Die Stadt ist eine Silhouette ihrer selbst, ein Scherenschnitt, auf dem die „Türme“ natürlich wie Leuchttürme über allem ragen. Kirchen, Baukräne – ganz viele davon -, moderne Hotels etc. Die Stadt vereint viele Epochen und viele Menschen. Hinter meiner Scheibe fühle ich mich zwar manchmal als Beobachter aus einer anderen Welt. Doch dann merke ich wieder, wo ich stehe – im Zentrum der Stadt und über der Stadt. Und ich erinnere mich daran, wie nah doch eigentlich die Berge sind, die glücklicherweise der düsteren Wolkendecke standhalten. Nicht nur diese Lage, dieser Anblick macht München einzigartig. Wann nimmt man sich schon einmal die Zeit, „seine“ Stadt so genau zu studieren. Einfach eine Stunde den Blick über diese atmende, grüne, mal lärmende und mal pulsierende, ruhige Stadt schweifen zu lassen. Kurz vor Schluss setzt der Regen stärker ein. Aus Tropfen wird ein Mosaik und schlussendlich verschwimmt München hinter der Scheibe. Nur um sich dann wieder in vollem Glanz zu zeigen. Die Stunde ist schnell vergangen. Das Wechselbad des Wetters war beeindruckend. Danke, München.«

27.05.2021 Ilya Portnoy Aussicht