19:58 Uhr I Angelika Bär

»Als Überschrift wähle ich: Monotonie und Wechsel. Unter mir rauschte der Verkehr. Die Ampelschaltung wechselte. Menschen warteten und wechselten die Straßenseite. Das Martinshorn meldete sich regelmäßig. Das Isarwasser floss. Die Turmuhr vom Müllerschen Volksbad wechselte von einer zur nächsten Minute. Zwischen mir und dem Treiben nur eine Glasscheibe. Ohne Angst nahm ich die Veränderungen wahr. Wie die Regenwolken die Sicht auf die Alpen nahmen. Wie im Dämmer die Schriftzüge an den Häusern nicht mehr lesbar waren, die Straßenbeleuchtung sich einschaltete. Fahrradfahrer als Lichtpunkte zu sehen waren. Das Wetter änderte sich. Regentropfen liefen an der Scheibe herunter. Wind kam auf. Die Baumkronen wurden unruhig. In die Verkehrsgeräusche mischte sich der Wind. Immer wieder frage ich mich, warum eine einzige durchsichtige Glasscheibe mir jegliche Angst nimmt, zu stürzen, zu fallen. Wahrscheinlich ist es mehr, was mir die Angst nimmt: ein geschützter Raum, eine angenehme Temperatur, die Ruhe, das Leben vor der Scheibe und die Gewissheit, dass mein Bleiben im Ausguck nicht für die Ewigkeit ist. Ich hoffe, dass ich mich noch lange an diese privilegierte Stunde erinnern werde.«

26.05.2021 Angelika Bär Aussicht