05:27 I Moritz Eckert

»Mit einem gewissen Perspektivwechsel rechnet glaube ich jede/r, die bei Türmer München teilnehmen. Es ist auch recht offensichtlich, wann sonst verbringt man Sonnenauf- oder -untergang in einer Holzbox in schwindelerregender Höhe? Ich fand es allerdings interessant zu beobachten, auf wie vielen Ebenen ein solcher Perspektivwechsel stattfinden kann. Zuerst fällt natürlich das Stadtbild auf, dieses Gebäude steht plötzlich viel näher als gedacht, jenes viel weiter westlich. Auch beim Nachverfolgen des Laufs der Isar oder alltäglicher Wege stellt sich Wohlbekanntes plötzlich anders dar. Das war allerdings nicht der einzige Perspektivwechsel, den ich erfahren habe. Ich war regelmäßig überrascht, wie hell es plötzlich war, weil ich mich auf Details eingelassen hatte, die mir ins Auge gefallen waren. Ob der Vogel, der neben mir in den Flug startet, ein Radfahrer, der offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit war, oder der immer noch vorhandene Verkehr auf dem kleinen sichtbaren Teil der Reichenbachbrücke, immer wieder entdeckt man Details der frühen Stadt, die es zu beobachten lohnt. Wenn sich der Fokus danach wieder auf die große Szenerie legt, ist man häufig erstaunt, was sich bereits verändert hat. Doch auch im Zeitempfinden, eine Stunde (noch dazu eine „ungewöhnliche“) ohne Mobiltelefon und Uhr zu verbringen, ohne Ablenkung, ohne Beschäftigung, wirft einen zurück auf das subjektive Zeitempfinden. Solche Inseln der Zeit sind wertvoll in unserer sowieso schon hektischen und durch die Pandemie noch mehr durchgeplanten Zeit. Der für mich interessanteste Perspektivwechsel fand gegen Ende statt. Der Wechsel von schlafender zu erwachter Stadt hat mich erinnert, dass das Leben nie so starr ist, wie wir Menschen uns gerne klar machen, dass ein Objekt, eine Stadt oder anderes nie nur beobachtet wird und innehält, sondern ständig Wandel, Bewegung und Leben stattfindet. Wenn man will, die Emanzipation des Beobachteten. In dieser Perspektive liegt denke ich vieles, was das Leben bereichern kann. Es gibt keine objektiven Betrachter, die eindeutig bestimmen können. Wir können nur miteinander der Essenz näherkommen. Ich bin gespannt, wie viele der Eindrücke ich aus meiner Stunde über der Stadt mitnehmen kann. Vielleicht bleiben viele in der Holzbox auf dem Dach des Gasteig, vielleicht begleiten sie mich im Alltag. Ich habe mein Türmer-Erlebnis genossen und danke allen Beteiligten.«