05:42 Uhr I Johanna Stuke

»Noch liegt der intensive Rosaschimmer in den Wolken, und die Luft ist frisch und kühl von der Nacht. Eine Fernsicht zum Niederknien unter diesem riesigen Himmel: Die Berge sind ganz nah. Am Müllerschen Volksbad leuchtet die Wetterfahne golden in der aufgehenden Sonne. Zuerst fallen mir vor allem die Farben auf. Der Himmel, der langsam wieder verblasst. Das intensive Grün der Bäume (so viele!). Die Morgensonne auf so vielen rotbraunen Ziegeldächern und Fassaden. Wie bunt das alles ist. Licht ist schon eine unfassbar schöne Sache. Die Straßen sind noch ruhig, am meisten los ist in der Luft. Morgenrunde für die Möwen und Krähen der Stadt. Wo man eigentlich so hinfliegt, wenn man überall hinfliegen kann? Ich folge drei Möwen bei ihren Schleifen über dem Kabelsteg, bis sie sich doch Richtung Süden verabschieden. Endlich mal Zeit. So etwas bis zum Aus-den-Augen-verlieren zu machen! Die Stadt kommt einem von oben so anders vor, krumm irgendwie und wie in einer anderen Sprache geschrieben. Meine normalen Vorstellungen von Entfernungen, Verhältnissen und Beziehungen von Orten zu einander sind ganz anders; mir fällt auf, wie flach die Welt ist, die ich im Vorbeiradeln und -gehen jeden Tag wahrnehme: Immer nur das Erdgeschoß… der Standpunkt hier oben zieht einem den Blick auf. Ein großer Genuss, so in Ruhe über die Stadt schauen zu können! Ich merke, dass ich viel mehr erkenne, als ich gedacht habe: Mariahilfkirche; die veränderte Silhouette des Heizkraftwerks; die Kirche am Gotzinger Platz, das Haus von Freunden dort; das luxussanierte Kraftwerk in der Müllerstraße (noch zu müde, zum Glück, um hier grundsätzlich zu werden); der Turm vom Neuen Rathaus exakt vor den Frauenkirchentürmen. Seltener Anblick, die zwei ohne Baugerüst… Die Streben des Olympiadaches treten erst mit weiter aufgehender Sonne wirklich sichtbar hervor. Ich hatte mir vorgenommen, mindestens die Hälfte der Zeit zu stehen; das war so anstrengend wie erwartet. Aber es ging… Wie schnell die Zeit danach verfliegen würde, hat mich aber doch überrascht. Noch einmal an der Wand lehnen und diesen Duft von frischem Fichtenholz einatmen. Dem Verkehr beim Über-die-Kreuzung-wuseln zusehen – das Grün der Bäume ist nochmal grüner geworden, als es klopft.«

10.05.2021 Johanna Stuke Aussicht