05:59 Uhr I Anna Blume

»Der Raum ist ein Geschenk. Langsam taste ich mich zu Beginn Schritt für Schritt nach vorne. Meine Hände sind links und rechts an der Raumwand, spüren die Oberfläche. Das Holz nicht nur riechen, auch fühlen. Ich spanne mich sozusagen in die Kiste ein. Mein Blick konzentriert sich auf die Fugen, die Maserung, das Material. Ich möchte den Raum in seiner kompletten Größe erfahren – er fasziniert mich. Erst langsam komme ich zur Aussicht. Ein Blick, den ich gut kenne. Er ist schon vertraut. Jetzt ist er auf einmal nur für mich da – allein. Ich sehe ein bisschen Geschichte – alte Häuser, schöne Fassaden, eine Liebe zum Detail, die ich gerne erhalten würde. Ein, zwei Punkte verorten mich in der Stadt. Ein, zwei Plätze, mit denen ich etwas verbinde. Die Stadt ist eher faszinierend – oder sind es die Leute? Ich türme, wache hier, keiner weiß es, keinen stört es. Wie ist das so in dieser Stadt? Leben wir neben einander her? Alles läuft in geregelten Bahnen, die Häuser werden zu einer Masse… ich verliere mich im Blick. Es gibt mir tatsächlich nicht viel, aber es ist auch ok. So, ich brauche es nicht. Mein Kopf beschäftigt sich wieder viel mehr mit diesem Raum. Wo könnte man ihn hinstellen, mit einer viel „wertvolleren“ Aussicht für mich? Wohin stelle ich so einen Kraftraum? Die Antwort ist ganz klar. Diese Kiste, die mir einen Rahmen gibt, die zwei Richtungen hat, die ganz schlicht ist – eine Stunde nur für mich, eine Stunde, in der ich türme und trotzdem nur in diesem Jahr ein kleiner Teil von allen Türmern bin. Ich halte mich wieder an den Raumwänden fest, verbinde mich und lasse schließlich los. Als ich auf den Steg trete, pfeift der Wind, es ist frisch, ich stehe mitten drin. Die Kiste ist ein Schutzraum. Die Kiste ist ein Geschenk. Ja, wirklich – DANKE!«

29.04.2021 Anna Blume Aussicht