19:21 Uhr I Mila Schwerd

»Ich betrete den Raum barfuß und irgendwie ehrfürchtig. Langsam taste ich mich ganz bis zur Scheibe heran. Die Blicke wandern, eine Frau winkt. In der Ferne Ruhe und Endlosigkeit, in der Nähe Leben und Bewegung. München. Mein München. Seit über 30 Jahren. In Kroatien geboren, hier aufgewachsen, bin ich so dankbar für das Heimatgefühl, das ich hier haben darf. Bald bin ich auch deutsche Staatsbürgerin. Ob die vielen Migranten, die hier sind oder noch her kommen, jemals das Glück haben werden, das Gleiche zu fühlen? Die Gedanken werden ruhiger. Immer wieder spaziere ich durch den Raum. Immer mehr verliere ich das Gefühl der Zeit. Dann kehrt Ruhe ein. Ruhe und Frieden. In meinem Körper und in meinen Gedanken. Das ist schön, schön leicht. Ich fange an, zu summen. Die Akustik ist großartig. Dann muss ich an meine Oma denken und werde traurig. Sie ist 96 und ich habe die Zeit zu begreifen: Sie wird sterben. Vergänglichkeit tut weh. In Dankbarkeit für diese Gefühle schicke ich noch ein „Vater Unser“ über die Dächer von München.«

28.04.2021 Mila Schwerd Aussicht