06:03 Uhr I Hanna Schneider

»Ich glaube, ich hab noch nie eine Stunde erlebt, die sich nach so viel weniger angefühlt hat. Und dabei wusste ich immer, wie spät es ist, München hat einfach ein paar Kirchtürme zu viel, um ganz von der Zeit loszukommen. Heute haben sich all die Zeiger viel schneller bewegt, während ich mich heute Morgen so viel langsamer bewegt habe. Eigentlich habe ich mich gar nicht bewegt. Ich musste mich wundern, dass die Stadt „um diese Uhrzeit“ schon so lebendig ist, da war es mir fast peinlich, dass ich um 6:30 Uhr noch weit entfernt davon bin, aufzuwachen. Vielleicht mache ich das jetzt öfter. Früher aufstehen und der Stadt beim Aufwachen zusehen. Als ich so früh, so weit oben auf die große Stadt geschaut habe, habe ich mich gefragt, ob ich mich jetzt ganz groß oder ganz klein fühlen soll. Ich glaube, es war etwas dazwischen. Eigentlich habe ich nicht wirklich einen Bezug zu dieser Stadt, so lange lebe ich hier noch nicht. Wenn ich die vielen Häuser und Bauten sehe und mir eines besonders ins Auge sticht, dann verbinde ich damit keine Erinnerungen. Aber ich habe mich gefragt, wie ich am Anfang glauben konnte, dass es nicht eine Person in dieser riesigen Stadt geben soll, die auf mich wartet. Dann habe ich mir gewünscht, dass er jetzt vielleicht dabei wäre und ich ihm sage, wie froh ich bin, dass es ihn gibt und dass ich mir wünsche, noch oft die Sonne mit ihm auf- und untergehen zu sehen. Vielen Dank für diese Stunde, mit dem besten Wetter, das man sich vorstellen kann. Obwohl ich glaube, dort oben gibt es kein schlechtes Wetter, auch Regen und Schnee hätten Charme gehabt.«

27.04.2021 Hanna Schneider Aussicht