06:04 Uhr I Christian Jobst

»Noch recht fahles Licht umspielt das Antlitz der Stadt. Sie beginnt erst, zu erwachen. Mein Blick schweift über die Dächer, die Bauten, das Häusermeer. Ich erkenne viele Punkte, die mich in dieser Stadt immer wieder anziehen, aus neuer Perspektive. Die Erinnerungen steigen hoch. Sie sind Geschichten meines Lebens. Geschichte dieser Stadt. Dieses Häusermeer hat nicht nur eine Geschichte, so viele Geschichten erschaffen diese Stadt. Hinter jedem Fenster, unter jedem Dach entstehen wieder neue Geschichten. Sie werden heute wieder neu erzählt. Das Licht ändert sich plötzlich. Nach ca. 20 Minuten erfasst die Sonne die Dächer mit voller Kraft. Es glitzert, es leuchtet, es strahlt. Nichts Fahles, nur Glänzendes. Mein Blick will alles einfangen, huscht von Dach zu Dach. Die Kirchtürme ragen heraus. Ich ziehe unwillkürlich Verbindungslinien, wo bin ich schon geradelt, gegangen, flaniert, gelaufen, gewesen. Soviele Geschichten.  Ich stelle mir die Aufgabe, hinter einem bestimmten Fenster eine neue Geschichte zu erfinden. Ich stelle mir die Menschen dort vor, deren Beweggründe, deren Motivationen, deren Emotionen. Zusammen mit dem Erstrahlen erwachen die Charaktere, die Menschen hinter den Vorstellungen. Sie sind diese Stadt, sie machen sie erst lebendig. Ich bin fast schon geblendet und fühle mich als Teil einer großen Geschichte. Sie ist voll erwacht, sie lebt, sie entwickelt sich. Sie lebt und pulsiert. Wie diese Stadt.«
26.04.2021 Christian Jobst Aussicht