06:15 Uhr I Gabriele Hetterich

»München ist meine Heimatstadt. Ich bin hier geboren. Im Alltag ein vertrauter Raum, die Stadt wird zum Gebrauchsgegenstand. Aus der Sicht von oben, der Sicht des Türmers, ist die Stadt auf den ersten Blick, die erste halbe Stunde, ein riesiger Spielzeugkasten. Ich sehe so viel, was ich lange nicht mehr gesehen habe. Ich sortiere die Türme, Kuppeln, Häuser. Die Freude, wieder zu entdecken. Der Gedanke, dass all diese Häuser voller Menschen sind, die grade irgendwas machen – das ist immens schwer auszuhalten. Denkt man die Menschen in ihren Häusern dazu, wird spürbar, wie enorm verletzlich diese – jede – Stadt ist. Der Türmer auf dem Gasteig steht in einer Reihe mit den Engeln: Dem Friedensengel und dem Engel auf dem Maximilianeum. Er hat dieselbe Aufgabe. In dieser Stunde freundlich auf die Stadt aufzupassen. In Gedanken. Hilft das, geht das? Ich denke an meine Altvorderen, die aus dem armen Unterfranken nach München kamen, um bescheidene Arbeiten zu tun. In dieser Stadt sind sie noch anwesend und doch verschwunden. Und Geschichte ist nicht wegzudenken: Das München von damals: in Schutt und Asche versunken, und doch wieder da. Vor 76 Jahren am 30. April 1945 marschierten die Alliierten (die Amis) genau hier auf der Rosenheimer Straße in das zerbombte München ein. Einige Jahre vorher war an dieser Stelle, dem Gasteig, Hitlers Bühne im Bürgerbräukeller. Heute blicke ich auf eine wunderschöne, reiche, friedliche Stadt. Kann man das wirklich erfassen? Der Ausguck ist so konstruiert, dass man an einem gewissen Punkt das eigene Spiegelbild bis zu den Beinen, also die Beine sieht, der Rest, Rumpf und Kopf verschmelzen mit der Stadt, umrahmt von einem Lichtstreifen. Das ist ein starkes Bild, ich nehme es mit. Servus München, man sieht sich!«

20.04.2021 Gabriele Hetterich Aussicht