19:09 Uhr I Martin Webeler

»So hätte das nicht ablaufen sollen. Als ich vor 19 Monaten nach München gezogen bin, habe ich mich auf eine lebhafte Stadt gefreut, auf Kultur, Bars und neue Menschen. Foodora!! Heute blicke ich über die Stadt und es fühlt sich an wie eine Liebe, die Potenzial hatte, aber irgendwie ein Rohrkrepierer war. Neben dieser absurden Gentrifikation kommt der Lockdown dazu: Teure Miete und Lockdown… Immerhin rechnet sich die Zeit im Eigenheim. Ich blicke über die Stadt und denke an die vielen schönen Momente, die sie mir geschenkt hat. Hey, hallo! Grüße an das Mädel mit der Bierflasche und dem pinken Rucksack, das so freundlich hoch winkt! Ich sehe die Muffathalle, in der ich mein letztes Prae-Corona-Konzert gesehen habe und dahinter direkt mein Lieblings-Isar-Stadtstrand, an dem ich mich so gern gesonnt habe und baden gegangen bin. Dahinten ist die Oper – als ich einen Nebenjob gesucht habe, hätte ich dort als Bühnenarbeiter anfangen können. Nochmal Foodora. Kriegen die eigentlich Räder gestellt? Woher wissen Polizei-Streifen eigentlich, wo sie hinfahren sollen? Ich meine: drei Streifenautos hintereinander? Stelle mir vor, das ist eine ähnliche Situation wie beim Versteckfangen. Jetzt müssen sie schleunigst in entgegengesetzte Richtungen, sonst gibt’s Ärger vom Oberwachtmeister-Oberkommissar-Präsident. Die Leute von der Oper waren supernett! Meine Diss hat leider meine Karriere als Bühnenarbeiter beendet, bevor sie angefangen hat. Ich denke an die Schreckschraube von Mitbewohnerin in meiner ersten WG in der Barer Straße, der es wurscht war, ob alte Menschen an Corona erkranken. Und ich denke an Paula, Matteo und Sevi, die echt coole Menschen sind, aber nach dem Ausbruch haben wir uns nur noch einmal gesehen. Foodora #32 – dieses Mal Auto! Dahinten ist die Dachterrasse im Glockenbach, die meiner Mutter so gut gefallen hat. Nach ihrem Besuch konnte ich nie wieder hin. Links ist Giesing – echt cool da, besonders der heiße Tag, als ich und Käthe nach einer Radtour ein Eis dort gegessen haben. Nice! Die Stadt sollte sich mal die Kreuzung anschauen. Aus irgendeinem Grund kommen die Menschen nicht mit der Linksabbiegerspur zurecht. Ich denke an die Tage mit Möhline hier im Gasteig in den Restaurants, bei Sonne auf der Theresienwiese und natürlich im Institut. Da hinten ist der Olympiapark und das Olydorf, in dem ich so gerne aufgewacht bin, wenn ich bei Franzi geschlafen hab. Man fühlt sich wie auf einer Mondstation. Und dann ist da der Turm, dessen Namen ich nicht kenne, aber an dem vorbei ich immer ins Bahnhofsviertel geradelt bin, um bei VERDI einzukaufen oder Sultan-Fladen zu besorgen. Ich denke an all das und daran, dass ich München bald verlassen muss, weil ich mir ohne Job nicht mal ein WG-Zimmer leisten kann. Schade Schokolade! Ich bin traurig. Nicht, weil ich nichts erlebt hätte, sondern weil so viel mehr in Dir steckt, München. Vielleicht komm ich wieder, dann ohne Pandemie und noch eine letzte Bitte an Dich, München: Sorg mal für gescheite Mietpreise. Das steht dir besser und ganz nebenbei macht‘s die Menschen froh. 😊 Danke für die Erfahrungen. Macht’s gut!! «

19.04.2021 Martin Webeler Aussicht