18:58 Uhr I Agnes Wilhelm

»Bei wunderbarem Graupelwetter und 0 Grad ein echter Winter-Apriltag. Die Ruhe dort oben ist gar nicht so ruhig, wie ich dachte. Der Verkehr rauscht beständig, eingerahmt vom Quietschen der Straßenbahnschienen, nur ganz selten eine Vogelstimme – oder höre ich die nur in meinem Kopf? – Sozusagen die Sehnsucht danach? Sicher war ich nicht, ob es mir
– langweilig?
– eigentümlich?
– einsam?
– eng?
werden würde. Aber es traf nichts davon ein. Ich habe jede stille Minute genossen. Nichts zu müssen, nichts zu tun, nicht einmal zu überlegen, ob ich da noch stehen will. Wann passiert so etwas schon im normalen Leben? Das Licht im Cube ist wunderbar. Diese optische Täuschung, dass vor dem „Haus“ ein Leuchtrahmen schwebt, hat mich begeistert. Und als es dunkel wurde, waren plötzlich nur meine Beine bis zur Taille zu sehen, beim Blick nach vorne zur Stadt. Sonderbares Gefühl – ich sehe mich ohne Oberkörper und Kopf, aber ich fühle, dass es doch da ist, und eingeleuchtet – zur Wand blickend – ein Kopf und Oberkörper ohne Rumpf und Beine. Ich bin sozusagen durchsichtig. Eine lustige Erfahrung. Und ein Bild hatte ich in mir – allein über der Stadt! Alle Menschen auf der Erde sind über die Herzen mit einem Lichtstrahl (wie das Rechteck im Cube) verbunden, und so entsteht ein gewobener Lichtteppich, der alles hält, der Sicherheit und Geborgenheit gibt. Totaler Frieden. Wie schön das wäre, habe ich mir gedacht, und vorsichtshalber glaube ich mal daran, kann ja nichts schiefgehen, wenn ich optimistisch bin, oder? Danke für die großartige Gelegenheit!«

12.04.2021 Agnes Wilhelm Aussicht