06:54 Uhr I Michael Ziller

»Welch Eindruck! Zuerst ein ganz tiefes Durchatmen, immer wieder und wieder.

Das erste Licht in den Baumkronen, lange Schatten, die Fassaden glänzen, spiegeln, werden immer heller, der Mond entmaterialisiert sich immer mehr, dafür erscheinen die Berge im Hintergrund, als Rahmen der Stadt.

Der Blick: eine moderne Vedute der Stadt. Das Licht, der Sonnenaufgang von hinten, schöner als direkt in die Sonne zu blicken. Die Veränderungen, die das wandelnde Licht macht, zu spüren, zu sehen, im ganzen Körper wahr zu nehmen. Die Stunde ist fast zu kurz.

Die Dächer der Häuser erkunden. Wie wichtig Dächer sind. Verschiedenartig. Liebevoll und auch ruppig. Welch Aussicht darauf. Die Zeit, die Langsamkeit wird wichtig. Mal das Blicken von Außen, abschweifen zum inneren Blick. Gedanken, steuern und auch gehen lassen. Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, Lautes von Leisem, das Zarte, Unspektakuläre schätzen, wahrnehmen. Und wieder das Licht in den Baumkronen. Auf einmal der Blick auf die Uhr am Volksbad … So schnell verfliegt die Zeit. Oben, über der Stadt, wie auf dem Berg. Sich in die Straßen, die Täler der Stadt hineindenken, zwischen die Häuser und Dächer kriechen. Wie anders fühlt es sich hier oben an.

Die Blicke, Gefühle und Erinnerungen einfangen, behalten. Der Geist führt mir die Blicke, hier in der Schreibhöhle wieder vor, Nein: hinter die Augen.

„Da ist mir klar geworden, dass ein Mensch, der nur einen einzigen Tag gelebt hat, mühelos hundert Jahre in einem Gefängnis leben könnte. Er hätte genug Erinnerungen, um sich nicht zu langweilen.“ Mersault in Camus „Der Fremde“.«

31.03.2021 Michael Ziller Aussicht