18:40 Uhr I Fabienne Hübener

»Als letztes Bild bleibt mir die Turmbeleuchtung, die sich wie ein Rahmen vor mir in der Luft spiegelt. Darin die untergehende Sonne. Der Anfang war schwer. Die Sonne blendet, das Turmzimmer heiß. Darin soll ich es eine Stunde lang aushalten? Gleich sieben Uhren zeigen mir wie zäh die ersten Minuten vergehen. Dann kommt die Neugier. Diese Stadt unter mir, die vielen Kräne, die sich vor den Bergen in den strahlenden Himmel recken. So viele Kirchen. Die mir so vertrauten Orte – das Müllersche Volksbad, das Deutsche Museum, meine Badestelle an der Isar. Alles von oben. Die Hitze nimmt ab. Ich entspanne mich. Ich erkunde das Relief. Beobachte die Menschen, die Autos, Radfahrer. Ziemlich viel Eile, viele Ziele. Keiner schaut hoch. Die Zeit ist jetzt nicht mehr so wichtig. Das Gefühl von Vertrautheit wächst sich zu einem Zuhause-Gefühl aus. Ich wohne auf dieser Straße. So weit oben werden die Gefühle noch etwas größer. Alles meins, denke ich. Die ganze Stadt gehört mir. Jetzt ziehen die Mücken am Fenster vorbei, ein Vogelschwarm. Das Gezwitscher übertönt sogar den Autolärm. Es riecht stark nach Sägespänen, die Glocken läuten. Ich fühle mich jetzt wohl im Turmzimmer und mit meiner Stadt. Obwohl – die Berge. Warum lebe ich in der Stadt? Dann geht die Sonne unter. Es klopft.«

30.03.2021 Fabienne Hübener Aussicht6