06:07 Uhr I Hannah Bodenbach

»Man steht dort und schaut. Man hat Zeit und den Raum zu schauen. Es ist irre früh und doch ist da schon so viel wahrzunehmen. Mit etwas Glück sieht man einen einzigen Vogel über der Stadt seine Kreise ziehen, eine Joggerin wartet auf ihre Begleitung. Die Sonne brennt in den Fenstern der Hochhäuser, die Berge liegen mit ihren Spitzen voller Schnee ruhig im Hintergrund. Ein Hund geht mit seinem Herrchen spazieren, ein Kamin fängt plötzlich an zu qualmen. Man steht dort und denkt. Wo wollen diese bewegten Menschen da unten alle hin, was haben sie heute vor? Was geht in ihren Köpfen vor, was tragen sie mit sich herum? Ist heute ein guter Tag? Für mich ist er das, ich hätte ihn nicht schöner beginnen können. Es macht Spaß, eine aufwachende Stadt zu beobachten, Farbspiel der Autoschlangen an den Ampeln auszumachen (rot, blau, rot, blau – gegenüber drei weiße Sprinter. Von denen gibt es erstaunlich viele!), einen Radfahrer dabei zu erwischen, wie er über die rote Ampel fährt. Dabei wechselt die Reflexion der Sonne von einem Glühen zu einem Strahlen, die Schatten der Gebäude wachsen. Manche sind schon ganz fleißig, achten beim Laufen vielleicht sogar auf den rosa gestreiften Himmel. Andere drehen sich im Bett noch einmal um und bereiten sich auf eine spätere Stunde vor. Auch schön! Irgendwann verblasst der erleuchtete Rahmen, in dem man steht, der Holzgeruch des Raumes kommt zurück, die Stunde ist um. Na gut – dann jetzt auf in den Tag!«

25.03.2021 Hannah Bodenbach Aussicht