17:27 Uhr I Amanda Henriette Weber

»Die Zeit als Türmer da oben ist verfolgen, selten hab ich schnell und langsam so gleichzeitig erlebt. Am Anfang war natürlich der Blick auf all die vertrauten Gebäude aus dieser anderen Perspektive besonders faszinierend und ich hab mich immer wieder orientieren müssen, wie um einen neuen „Stadtplan“ zu lesen. Dann kam ich aber mehr zu mir selbst und freute mich über die Ruhe, die ich in mir spüren konnte. Mir kam so ein Bibelspruch in den Sinn „… in der Welt, aber nicht von der Welt…“, der machte mir da oben Sinn. Berührend war ein Moment, als ein Paar unten auf dem Gehsteig mich da oben entdeckte und eine Weile heraufschaute. Auch wenn ich ihre Gesichter nicht erkennen konnte, war klar, dass wir einander sahen. Es gab kein Winken oder ein anderes Zeichen des Erkennens, wir schauten nur und das war schön zu erleben. Als sie weitergingen nach einer Weile, schaute die Frau noch ein paarmal um und ich fühlte so eine Welle von Wohlwollen in mir zu ihr. Danach ging meine Aufmerksamkeit weg von dem, was auf der Straße passierte, sondern zum Wetterhahn oben auf dem Müllerschen Volksbad. Die goldene Figur war in dauernder Bewegung, leicht und immer wieder hin und her und so ähnlich gingen auch meine Gedanken: ruhig und fließend, ohne dass ich mich wo festbeißen musste. Es wurde immer ruhiger und weiter in mir. Und plötzlich tauchte ein Satz auf, den ich vor vielen Jahren schon einmal gehört hatte: Wisdom says I am nothing, love says I am everything. Between these two my life flows! Das hat mich sehr gerührt. Ich glaube, ich nehme von der Türmerstunde mehr Verständnis für das „nothing“ und das „everything“ mit. Danke an Nicole, meine feinfühlige Begleiterin und danke an Joanne und das ganze Team,  das diese Erfahrung möglich gemacht hat für mich. «

21.03.2021 Amanda Henriette Weber Aussicht1