06:17 Uhr I Wolfgang Löhlein

»Was werde ich erleben, was werde ich fühlen? Große Überraschung: bereits beim Betreten meiner Türmerposition bekomme ich eine Gänsehaut. Es ist ein bisschen wie im Theater: man ist gespannt und fasziniert. Vom Erwachen der Stadt, von der zunehmenden Helligkeit, am heutigen Tag aber vor allem vom Wetter. Meine Türmerstunde beginnt bei Schneetreiben. Es hängen dunkle, tiefe Wolken über München. Man sieht jeden Tag das Wetter, aber es in aller Ruhe eine Stunde lang zu beobachten, ist doch etwas ganz anderes. Anfangs ist die Sichtweite wegen des Schnees gering, doch die Wolken werden zunehmend in den Südosten gedrängt und so entsteht eine Dramaturgie, während der der Himmel von Nordwest nach Südost immer weiter aufreißt und in den letzten Minuten meiner Türmerstunde sogar erste Sonenstrahlen meine Heimatstadt erreichen. Und dazwischen? Z. B. der Mann, der bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im kurzärmeligen T-Shirt vorbeikommt. Und das drei Mal. Ein paar Jogger. Drei Kormorane fliegen die Isar entlang nach Norden. Vielleicht zum Ismaninger Speichersee? Die Uhr auf dem Turm des Müllerschen Volksbads versuche ich mit meinen Augen zu umgehen. Es gelingt recht gut. Lediglich zwei Mal schaue ich versehentlich drauf. Das erste Mal erschrecke ich, weil ich es doch vermeiden wollte. Das zweite Mal ist es mir egal, denn ich bin bereits so in meinem Türmer-Flow, dass es mich nicht mehr stört. Vielen Dank an meinen Helfer und alle Beteiligten, dass es dieses tolle Projekt gibt und ich teilnehmen durfte. Eine sehr schöne Erfahrung!«

20.03.2021 Wolfgang Löhlein Aussicht