Der Türmer

Wusstet ihr, dass in der Sammlung Schack in München ein Gemälde mit dem Titel »Der Türmer« hängt? Mehr erfahrt ihr im Gastbeitrag von Dr. Herbert W. Rott von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

»Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt«

»Der Türmer« ist der Titel eines Gemäldes von Edward von Steinle, eines Künstlers des 19. Jahrhunderts, der in seiner Zeit vor allem als Maler religiöser Historienbilder bekannt war. Es zeigt einen jungen Mann in einem Kostüm, das an die Zeit des ausgehenden Mittelalters erinnert. Er lehnt in lässiger Haltung am Fenster eines Turmes und hält Ausschau über die Stadt unter ihm. Die verwinkelten Gassen und spitzgiebligen Häuser sind schemenhaft im Hintergrund zu erkennen.

Ein Türmer hatte seit alters her eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Er war derjenige, der die Einwohner der Stadt vor Gefahren zu warnen hatte, insbesondere vor Bränden, denn er war der erste, der ein Feuer oder aufsteigenden Rauch von seiner Aussichtswarte aus sehen konnte. Im Gemälde wie auch auf einer vorbereitenden Zeichnung sieht man über ihm eine Glocke, die der Türmer zu läuten hatte, sobald Gefahr im Verzug war.

Edward von Steinle, Der Türmer, 1859, Öl auf Leinwand, 140,5 x 69,6 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Schack, Inv. Nr. 11551  |  Edward von Steinle, Der Türmer (Entwurf), 1858, Kohle oder schwarze Kreide, mit Deckfarben weiß gehöht, auf bräunlichem Papier, 68,6 x 34,2 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv. Nr. 11700

 

In Steinles Gemälde klingt aber noch eine weitere Bedeutungsebene an. Der Türmer hat seinen Arbeitsplatz hoch über den Dächern der Stadt, er sieht weiter, er sieht mehr als seine Mitmenschen unten in den Häusern und Gassen der Stadt. Goethe hat im zweiten Teil des „Faust“ dieser Profession ein literarisches Denkmal gesetzt, indem er den Türmer Lynkeus sein Lied rezitieren lässt:

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.

Ich blick‘ in die Ferne,
Ich seh‘ in der Näh‘
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh‘ ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir‘s gefallen,
Gefall‘ ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!

Das ist ein Loblied auf die sinnliche Wahrnehmung der Welt, vor allem durch den Gesichtssinn, wobei feinsinnig zwischen Schauen und Sehen unterschieden wird. Auch die bildende Kunst, die Malerei wird durch die Sinne, primär über die Augen wahrgenommen. Steinles Gemälde ist damit auch eine Hommage an die eigene Profession, an die des Künstlers. Der junge Mann ist nach der Mode gekleidet, man möchte ihn fast eitel nennen. Haltung und Blick strahlen Selbstbewusstsein und Überlegenheit aus. Wie der Türmer erhebt sich auch der Künstler hoch über seine Mitmenschen. Denn er kann sehen, was anderen verborgen ist.

Dr. Herbert W. Rott, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Die Sammlung Schack

Mit rund 180 Gemälden deutscher Künstler, darunter bekannte Werke von Arnold Böcklin, Moritz von Schwind, Franz von Lenbach, Hans von Marées und Anselm Feuerbach, gilt die Sammlung Schack als eines der bedeutendsten Museen für deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Sammlung entstand durch das Wirken des Sammlers und Kunstförderers Adolf Friedrich Graf von Schack (1815-1894) und ist seit seinem Tod in ihrer Zusammensetzung unverändert geblieben. Sie stellt nicht nur ein wichtiges Dokument des Kunstsammelns in Deutschland dar, sondern ist zugleich ein einzigartiges Museum der Spätromantik, das den Besuchern Einblicke in die Sehnsüchte und Träume sowie in die von Reisen, Literatur, Mythen und Idealen geprägte Bilderwelt dieser Epoche gewährt. Zudem sind derzeit Meisterwerke aus der sanierungsbedingt geschlossenen Neuen Pinakothek in der Sammlung zu sehen. Mehr unter pinakothek.de