06:27 Uhr I Tanja Schwerd

»Meine Begeisterung, um 5 Uhr aufzustehen nach wochenlang miserablen Nächten, hielt sich in Grenzen und doch wollte ich in diesen durch wenig Abwechslung geprägten Corona-Zeiten mal etwas anderes sehen – mal was erleben, von dem man berichten kann. Mein Leben im Lockdown mit zwei kleinen Kindern (9 Monate, 2 Jahre 9 Monate) ist zwar alles andere als langweilig, aber es fehlt ein Ausgleich und man ist ununterbrochen mit Bedürfnissen konfrontiert. So war ich sehr gespannt, was es in mir auslöst, mal eine Stunde nichts zu tun, nur zu stehen und zu schauen. Zunächst ist mir die Uhr am Müllerschen Volksbad aufgefallen und so muss ich zugeben, dass ich doch stets wusste, wie viel Uhr es ist, was ich irgendwie beruhigend fand. Anfangs hatte ich mich orientiert und geschaut, was ich alles entdecken kann – Frauenkirche, Olympiastadion, O2 Tower, Deutsches Museum stachen heraus. Während meiner gesamten Zeit oben, bin ich immer wieder an der Straße und den Autos hängen geblieben und habe recht bald angefangen, ein Spiel zu spielen, welches ich als Kind immer gespielt habe auf langen Autofahrten: Dinge zählen. Wie viele Autos pro Ampelschaltung? (ca. 10). Wie viele Jogger? Wie viele Radler (zu der Uhrzeit sehr wenige)… Nach einer Weile habe ich versucht, mich auf meine Haltung zu konzentrieren und weg vom hinunter gerichteten Blick auf die Straße zu kommen und dennoch bin ich immer wieder zurück zu ihr gekommen und den immer mehr werdenden Autos. Wirklich in mir geruht habe ich nie, das kann ich nicht, ich habe mir immer Aufgaben gegeben: es gibt 35 Kräne, 2 Polizeieinsätze, 1 Krankenwagen, 5 Müllabfuhrautos, 7 Kirchturmuhren, es flogen ein paar Enten, Krähen und Tauben vorbei und nur ein Hund ist Gassi gegangen. Die Höhe ist schön, von der man die Stadt überblickt. Man steht in ausreichend Abstand und kann dennoch kleine Details des Treibens erkennen. Trotz mieser Wetterprognose kam die Sonne zum Ende hin raus und hat die Stadt schön beleuchtet.«

15.03.2021 Tanja Schwerd Aussicht