06:29 Uhr I Axel Roesener

»Der Morgen begann wie an einem Urlaubstag. Denn wenn ich es irgendwie vermeiden kann, stehe ich nicht schon um 5.10 Uhr auf. Aber für einen frühen Flug oder eine leere Autobahn steht man schon mal früher auf. Und die Vorfreude ist bei diesem Moment eine wichtige Assoziation. Der Weg zum „Turm“ war verschneit und windig. Als ich in meinem Aussichtsturm stand, merkte ich erst nach einer halben Stunde, dass meine Socken ganz nass von der Fahrt mit dem Rad durch den Schnee waren. Ich fragte mich, ob ich wohl der einzige Türmer war, der im Winter barfuß auf seiner Mütze hoch über der Stadt stand, seine Socken zum Trocknen über die Heizung gehängt. Ich habe schon in drei großen Bürotürmen in dieser Stadt gearbeitet, aber es ist immer wieder faszinierend, wie anders die Stadt von oben aussieht, wenn man an einem anderen Standort ist. Die Entfernungen… total verschätzt. Die Positionen der Kirchtürme und Plätze… total verschätzt. Plötzlich das Gefühl, zu fliegen. Wie bei einem Zug. Man sitzt in seinem Sessel und denkt „Ah! Jetzt geht es los!“ Doch tatsächlich fährt nur der Zug vom Nachbargleis und man selbst steht noch. Hier genauso. Die Schneeflocken fliegen auf mich zu, an mir vorbei. Es sieht so aus, als würde ich mit meiner Kabine fliegen, fallen, dann wieder fliegen. Nun tanzen die Schneeflocken im Kreis. Die Scheibe ist ganz undurchsichtig von Schneeflocken, die schmelzend nach unten laufen. Irgendwie bemerke ich, dass mir die linke Seite in meinem Raum angenehmer ist, als die rechte… Komisch, diese Psychologie der Menschen. Auch dass ich plötzlich froh bin über die Schneeflocken. Ihr Tanz ist fast noch schöner als die Stadt. Ich frage mich, ob das nur wieder einmal postaffirmative Einstellung ist. Der Sonnenaufgang war jedenfalls nicht bemerkbar. Es war vorher grau und schon hell und es war nachher grau und ein bisschen heller. Ich bemerke, dass es gut ist, dass ich kein Handy dabeihabe. Die Ruhe tut mir gut. Einfach mal nichts tun. Als Vater einer 3,5-jährigen Tochter mit beiden Eltern im Vollzeitjob kommt Zeit für sich selbst zu kurz. Nichts tun gibt es nicht. Hier darf ich es einfach mal mit Ansage. Ich fühle mich erinnert an das Wandern. Einfach auf einem Berg stehen nach einer anstrengenden Wanderung und die Aussicht genießen und die Gedanken schweifen lassen… Die 1 h kam mir ganz kurz vor. Es hätte auch länger sein dürfen. Aber jetzt freu ich mich auf Frühstück. Bin bei einer Freundin eingeladen.«

14.03.2021 Axel Roesener Aussicht