06:33 Uhr I Thorsten Domke

»6:33 Uhr – meine Stunde als Türmer beginnt. In vergangenen Tagen galten die Türmer als „ehrloser“ Beruf – ich kann das nicht nachvollziehen. Ein Wächter der Stadt ist doch das ehrenvollste und verantwortungsvollste, was man sich vorstellen kann. 6:33 Uhr – die Stadt erwacht. Erwacht die Stadt? Autos fahren, wo sie herkommen, wo sie hinwollen – ich weiß es nicht. Fahrradfahrer sind unterwegs, ein paar zu Fuß, wenige Jogger und Joggerinnen. Eine Frau mit ihrem Hund. Aber jeder ist für sich, keine Kommunikation, keine Interaktion. Ist das „wach sein“? Überhaupt fällt auf, wie wenig Leben zu sehen ist. Keine erleuchteten Fenster, bis auf ein Eckfenster gegenüber im Volksbad. Was da wohl gerade passiert? Und nach 7 natürlich einige Fenster in den Büros des Patentamts. Wenn man sich ganz nah an die Scheibe stellt und nach Süden schaut, dann sieht man noch 8 Baukräne: ich denke dort werden die Luxuswohnungen an Stelle der alten Paulaner-Brauerei gebaut. Entsteht dort städtisches Leben? Oder wird München nur noch zur Kulisse?

6:33 – was fällt mir als erstes auf? München ist so flach/niedrig gebaut. Rot, gelb, grau herrschen als Farben vor, keine Stahl-/Glas-Skyline. Selbst der O2-Tower im Norden und die Müllverbrennung im Süden sehen perspektivisch genauso hoch aus wie die Frauenkirche. Ansonsten sehe ich ein großes Wimmelbild. Jede Minute entdecke ich etwas Neues. Manches ist auch nur Minuten sichtbar und verschwindet dann wieder. Faszinierend zum Beispiel die Windräder im Süden. Für 5 Minuten stachen sie hervor, als die Sonne ihre Rotoren reflektieren ließ. Danach verschwanden sie wieder im Schatten. Oder plötzlich wird einem die Klimaanlage auf dem Nachbarhaus bewusst. Und dass Regentropfen auf der Scheibe waren, habe ich erst in der letzten Viertelstunde entdeckt.

6:33 – was habe ich als erstes wahrgenommen? Den Wind! Es war ein stürmischer Morgen und anfangs hat das Pfeifen und Jaulen des Windes alles übertönt. Kein Automotorengeräusch drang hoch, nur natürliche Geräusche. Später kamen die Motorengeräusche stärker und stärker durch. Ein durchgängiger Lärmteppich und man fragt sich, muss das sein? Um 7 Uhr (Man weiß wie spät es ist, da man die große Turmuhr des Volksbads im Blick hat) war ich gespannt auf das Kirchengeläut. Um 6:30 auf dem Weg hatte ich nichts bewusst wahrgenommen. Um 7 war es überraschend leise, aber doch ca. 5 Minuten lang.

6:33 – was fiel mir sonst noch auf? Vor allem die Gestaltung der Aussichtsbox. Ein Holzquader, vielleicht 1,5 m breit, 2 m hoch und 6 m lang. In der Mitte geteilt durch ein umlaufendes LED-Band. Man hatte den Eindruck, dass durch eine Ritze gleißendes Sonnenlicht zentral von oben einfallen würde. Dieses umlaufende Lichtband hat sich wie bei einem Head-Up-Display im Auto hinter den Glasscheiben gespiegelt. Ich bekomme den Eindruck, als ob dies der Fokus eines Zielfernrohres sei. Wenn ich in der Mitte stand, war das Volksbad im Fokus. Wenn ich ganz von der rechten Seite durchgeschaut habe, ging die Sicht bis zum Patentamt. Und von links gerade bis zum Alten Peter – die Frauenkirche aber nicht mehr. Faszinierend. Überhaupt hat mich dieses Lichtband und die Spiegelungen in ihren Sog gezogen. Wenn ich „vor“ dem Licht stand und nach vorn geschaut habe, sah ich nichts von mir. Als ich durch das Band geschritten bin, konnte ich zuerst meine Füße/Schuhe gespiegelt sehen und je weiter ich auf das Fenster zuschritt immer mehr, bis ich mich ganz gespiegelt hatte. Was man nicht so alles macht, wenn man Zeit für sich hat!

Überhaupt war diese Stunde ein großer Kontrapunkt zur heutigen, schnellen Instagram-Zeit. Wenn diese Box als „Sehenswürdigkeit“ offen wäre, dann wäre da eine lange Schlange an Interessierten, nur auf der Suche nach einer coolen Fotolocation. Es würden ein Selfie gemacht und 5 Sekunden später wäre der Nächste an der Reihe. Es heißt, wenn man von einer Szene ein Foto bzw. Film macht, dass man sich dann später nicht wirklich an die Szene erinnern kann. Nach meiner Erfahrung heute (1 Stunde ohne Fotografieren) bin ich überzeugt, dass nur das unabgelenkte auf sich wirken lassen des Moments, diesen unwiderruflich im Gedächtnis abspeichert.

Wenn ich einen Wunsch frei gehabt hätte: ich wäre gerne eine Stunde früher gekommen, um die blaue Stunde mitzuerleben.

Es war ein toller, unvergesslicher Moment. Danke!«

12.03.2021 Thorsten Domke Aussicht