06:43 Uhr I Anne Spring

»Ich stehe auf meinem Balkon in der Isarvorstadt – die nächste Türmerin, die zu Sonnenaufgang über München wacht, wird dies vom Gasteig aus tun. Endlich. Ich freue mich für sie. Ich sehe: Im Vordergrund eine Straßenbaustelle und alte rote Backsteingebäude – bei einem steigt Rauch aus dem Kamin. Er verfliegt. Im Hintergrund thronen das neue Volkstheater mit dem markanten, weißen Quader + die neue Luise. Dazwischen liegen ganz unterschiedliche Welten: die LKW-Waschanlage des Viehhofs inklusive Misthaufen und die Container des Bahnwärter Thiel. Graffitis überall entlang der Bahngleise, die die Stadt zerschneiden. Ein bisschen Großstadtflair im beschaulichen München. Ich sehe Menschen – nicht viele. Manche zielstrebig, manche planlos. Ich sehe Züge. Ich sehe Autos. Zu Anfang fast keins. Aber es werden zunehmend mehr. Vor allem sehe ich , wie die Sonne die Bühne erobert. Zaghaft, aber natürlich. Von einzelnen Reflexionen bis zum strahlend weißen Quader des Volkstheaters – als wäre er eine Leinwand. Von allen Schattierungen des Regenbogens bis hin zu strahlendem Blau-himmelblau.

Ich höre: Stille! Und irgendwie auch doch nicht. Es ist eine vibrierende, eine dröhnende Stille. Städtische Stille, vielleicht. Unterbrochen zu Beginn einzig von Vogelgezwitscher + Flügelschlagen. Die markanten Krähen übertönen dabei frech alle Artgenossen. Hin und wieder: Ein Zug auf den Gleisen. Das klingt nach Reisen + Freiheit + stört mich nicht. Die Kirchturmglocken aus Sendling drüben läuten einfach an mir vorbei. Das erste Auto bricht ein in meinen Morgen. Es stört. Ist laut. Ebenso: der erste Bus. Leer an diesem frühen Sonntagmorgen. Aber: Ein Angebot. Eine Möglichkeit. Mit der aufsteigenden Sonne schwindet die Ruhe. Schade.

Ich fühle: Eine große Ruhe. Ich genieße es allein – weit entfernt, weit über allem anderen einfach nur zu stehen. Auf meinem Ausguck über die Dinge zu wachen – auch, wenn es die Dinge nicht interessiert. Die wenigen Menschen, die ich sehe, ignoriere ich. Möchte nicht in Kontakt gehen. Ich trete intuitiv einen Schritt zurück. Möchte den Morgen für mich allein haben. Ich genieße es, zeitlos, planlos. gedankenlos einfach hier zu stehen. Ich spüre die Kälte – obwohl ich winterlich warm eingepackt bin. Je länger ich stehe, gucke, höre, fühle, desto stärker nehme ich sie war. Ich muss mich bewegen. Mit der Zeit kommt auch der Tag in Bewegung. Mehr Menschen, mehr Autos, mehr Licht. Einzelgeräusche drängen in den Vordergrrund, die Ruhe, das Rauschen – sie treten in den Hintergrund. Es ist deutlich zu sehen, zu hören + zu spüren: Die Stadt erwacht!«

Anne Spring Aussicht