06:47 Uhr I Sigrid O.

»2 Krähen haben noch vor mir ihren Aussichtsposten bezogen und schütteln den Regen aus dem Gefieder. Vom Sonnenaufgang ist nichts zu sehen, nur das Grau wird heller. Hier muss ich unweigerlich an einen Ausspruch meiner Mutter in der schattigen norddeutschen Heimat denken: »Es war heute den ganzen Tag grau. Aber ein schönes Grau!«

Schön ist es, einfach mal nichts nebenher zu machen, sondern nur zu schauen. Ich bin auf Krähen- und Taubenflughöhe, da gibt es einiges an Bewegung zu konstatieren. Am Boden tut sich in meinem kleinen Sichtausschnitt nicht viel. Drei Frauen (mit Schirm, mit Hund, in neongelb), drei Autos. Am Himmel: 3 Türkentauben, 3 Ringeltauben, 3 Gänse im eiligen Überflug, zügig ziehende Wolken.

Für eine Langschläferin, die vorzugsweise mindestens zwei Dinge gleichzeitig macht, war das schon ein Projekt. Es war interessant, wie wenig man in einer Stunde Schauen denken kann. Fast schon meditativ. Hätte ich mir gar nicht zugetraut. Erinnern tue ich hauptsächlich, über freundliche und weniger freundliche Fassadenfarben nachgedacht zu haben.

Die Stunde endet erstaunlich schnell und netterweise wie sie begonnen hat: mit zwei Krähen auf ihrer Aussichtsantenne.«