17:00 Uhr I Tina G.

»Flachdach – ungefähr 6. Stock. Dann guck ich Richtung Westen und schau mir den Sonnenuntergang an. Aber bewölkt – bzw. zur Zeit heißt das »Sahara-Staub«. Also Himmelsrichtung egal. Mich zieht’s zur Nordseite. Eine Baustelle auf 11 Uhr, eine auf 14 Uhr. Rechts ein altes Bürogebäude – ich kann reinschauen. Keiner da. Lichter an. Riecht es hier komisch? Boah, ist das alles hässlich. Die Dächer – wie unaufgeräumte Loggias. Alles, was man drin nicht brauchen kann und unansehnlich ist, kommt aufs Dach: Klimaanlagen, Rohre, Kabelspaghetti, Aufzughäuschen … erst mal atmen. Jetzt riecht’s wieder okay. Auf den Baustellen ist noch Betrieb. Beides jeweils 4 Kräne. Massig Leute in orange- und gelbfarbenen Westen. Gewusel wie im Bilderbuch. Warum ist im Büro Licht, wenn da keiner mehr ist? Plexiglasscheiben zwischen den Arbeitsplätzen. Hätte es vor einem Jahr noch nicht gegeben. Ich dreh den Kopf. Noch mehr Baustellen. Oh Gott, so viel zu sehen. Ich wollte doch hier zur Ruhe kommen. Also nicht mehr umdrehen. Bei 14-Uhr-Baustelle wird’s ruhiger. Zwei der Kräne stehen schon. Kran 4 – die sind wirklich mit riesigen Nummern beschriftet – scheint gerade Schluss zu machen. Ich seh den Kranführer die Leiter runtersteigen. 11-Uhr-Baustelle macht noch weiter. Fangen alle Baustellen in Deutschland nicht zur selben Zeit an und hören gemeinsam auf? Hätte ja auch sein können. Jetzt wieder dieser Geruch – bisschen nach Abfluss. Wird mein Geruchssinn aufmerksamer oder kommt das in Wolken? Mein Kopf rast ja. Ich wollte doch Ruhe und so. Also auf die Baustelle konzentrieren. Baustelle zur rechten macht wirklich Feierabend – wahrscheinlich ist es 17:30 Uhr. Der Kranführer scheint unten angekommen. Hört der dann 7 Minuten früher auf, damit er noch runterklettern kann in der Arbeitszeit?

Vor den Containern stehen jetzt viele orange-farbene Westen. Feierabendbierchen. Baustelle zur linken ist noch im Betrieb. Im Büro nebenan: voll bepackte Schreibtische. Gymnastikball – da hat also jemand Rücken. Neonlicht. Grausen. Und keiner da. Doch da sitzt einer in der Ecke. Lebt der noch. Genauer schauen – die Hand bewegt sich von der Maus zur Tastatur. Das Büro macht mich traurig, ich guck wieder über die Dächer. Klimaanlagen – wie in New York. Die Rohre + Kabel wie bei Fernreisen nach Asien. Warum denk ich jetzt an Fernreisen? Weil man da so oft auf Dachterrassen sitzt und auf unbekannte Städte schaut. Jetzt mach ich das mal mit München. Es kommt ein bisschen Wehmut – mal wieder reisen. Mal wieder auf einem Dach in einem weit entfernten Land sitzen? Wann geht das wohl wieder? Die nächste Wolke Abflussgeruch zieht vorbei. Corona schein ich also nicht zu haben – mein Geruchssinn funktioniert noch gut.

Bei der 14-Uhr-Baustelle ist jetzt emsiges Türen-auf-und-zu an den Containern. Die ersten Männer erscheinen, die keine orange-farbene Weste mehr tragen, sondern nur ein Handtuch um die Hüften. Jetzt haben sie geduscht. Spielen die jetzt Karten oder was machen die abends? Da sind ja nicht mal Fenster an den Containern. Baustelle-11-Uhr immer noch in Betrieb – und der einsame Bürohengst sitzt immer noch am Computer. Jetzt werd ich bisschen ruhiger – ich hab das hier jetzt grob verstanden. Eine Hupe – ich glaub, das erste Geräusch (außer dem Hämmern und Rauschen der Baustelle), das ich höre. In NY hätte man Polizeisirenen und Feuerwehrtrucks lärmen hören. In Indien wäre eine Hup-Pause aufgefallen. Plötzlich lautes Quietschen – vom Parkdeck nebenan steigt eine Staubwolke auf. Da dreht einer mit seinem Auto Kreise. Die Lichter sind ja angegangen, an Kran 4 und 2 zur rechten, auch links. An weiter entfernten Hochhäusern … Baustelle-11-Uhr scheint jetzt auch zur Ruhe zu kommen. Wie spät ist es eigentlich? Hab ich nicht einmal dran geacht? Machen die um 18 Uhr Schluss, bin ich dann auch fertig? Aber ich hab doch noch gar nicht Ruhe und so … Der Typ sitzt immer noch regungslos – bis auf den Maus-Tastatur-Move am Bildschirm. Bei Baustelle zur rechten ist kaum mehr Betrieb, ein paar vereinzelte Männer stehen beisammen. Links läuft, nein kehrt jetzt auch der Kranführer Richtung Erde zurück. In meiner Jackentasche vibriert der Wecker. Ah, und es stinkt nochmal.«

Tina G. Aussicht