16:55 Uhr I Maria Neubauer

»Türmerstunde unterhalb der Türmerstube: Eine Stunde ruhig und konzentriert stehen, ein Mozart-Requiem lang, wenn sie mal wieder vergessen haben, dass der Chor auch sitzen muss. Die Abendsonne blendet mich. Erste Wahrnehmung: der immense, nur durch Ampelphasen unterbrochene Verkehrsstrom – wieviele Autos braucht die Stadt? Immer öfter stelle ich mir Straßen und Plätze ohne Autos vor. Im Gegenlicht überqueren vier Leute hintereinander die Trambahnschienen wie die Beatles die Abbey Road. Vor dem Müllerschen Volksbad stehen zwei bis drei Leute in von der Sonne beschienenen Kreisen zusammen, sie bewegen sich entsprechend des Sonnenstands wie in einer einstudierten Choreographie.

Steht auf dem in der NS-Diktatur fertiggestellten Kongreßsaal des Deutschen Museums tatsächlich noch ein Reichsadler? Dort habe ich als Kind meine erste 9. Symphonie von Beethoven gehört. Das Singen im Philharmonischen Chor vermisse ich so sehr.

Mein Blick fällt auf die gegenüberliegenden Fassaden der Bürgerhäuser, die ich von hier oben zum ersten Mal richtig wahrnehme. Obwohl die Dämmerung anbricht, bleiben viele Fenster dunkel. Wer wohnt z. B. in dieser wunderschönen Wohnung mit Erker? Oder ist sie ein Spekulationsobjekt? Im 2. Stock über dem Kuchlverzeichnis beruhigt eine Frau ihr Baby. Ich fühle mich wie eine »Spannerin«. 😉

Ich mag es, wie sich in der Dämmerung alles scherenschnittartig gegen den rosafarbenen Himmel abzeichnet. Blaue Stunde. In diesen Momenten öffnet sich mein Herz weit für diese, meine Stadt.

Danach werde ich mir im Späti gegenüber wohl noch eine Türmerinnenhoibe kaufen.«

Maria Neubauer Aussicht