07:06 Uhr I Helmut Hönsch

»Guten Morgen München, es ist kurz vor 7 als ich an meinen Lieblingsplatz in München eintreffe. Hier am Luitpoldberg, der Blick gen Süden, ist man selten allein. Zu schön der Ausblick auf die Stadt und – mit etwas Glück – auch auf die Alpenkette. Es ist schon hell, auf dem Hang glitzert noch ein Hauch von Rauhreif, das Gelb der Sonne ist noch nicht zu sehen, ein kaltgraublauer Himmel lässt im Hintergrund die Alpen erkennen, wenn auch mehr als Ahnung. Punkt 7:06 beginnt meine Stunde, ich bin froh, dass ich hier in Ruhe stehen kann. Mein Blick wandert etwas unruhig hin und her, will alles gleichzeitig erfassen, was in meinem Blickfeld liegt. Das Willi-Graf Gymnasium, das Hochhaus an der Karl-Theodor-Straße, als unglücklicher Blickfang etwas weiter südlich; der Baumbestand, der die Ausmaße des Luitpoldparks erahnen lässt. So langsam komme ich zur Ruhe, höre den ersten Glockenschlag zur Viertelstunde, höre die Vögel zwitschern oder eher die lautstarken Krähen. Die Trambahn am Scheidplatz beginnt ihre Fahrt, die Kehrmaschinen queren den Fahrweg unter mir. Jedes Geräusch für sich – mal leiser, mal lauter. Das Licht über der Stadt wandelt sich, während ich am Hang ein Eichhörnchen beobachte, das sich immer weiter auf die Wiese wagt und dann plötzlich in Windeseile im nächsten Baum verschwindet. Von Minute zu Minute wird es heller, ein freundliches, wärmendes Licht flutet die Stadtfassaden, mal mit zartem Rosa, dann mit einem Hauch von Gelb und Weiß. Mich würde es nicht wundern, wenn plötzlich ein Muezzin zum Morgengebet rufen würde. Es sind wenig Menschen unterwegs, ein paar Jogger queren, die ersten Lehrer betreten den Schulhof des Gymnasiums. Ich zähle die Baukräne, die sich über die Stadt verteilen. 17 Kräne haben sich hübsch über die ganze Stadt verteilt. Wenig später „erwacht“ der erste Baukran. Ein neues Geräusch! Es ist ungefähr Halbzeit der Türmer-Stunde, das Zwitschern der Vögel wird leiser, der Lärmteppich der Stadt merklich lauter. Ich spüre, wie ich immer mal wieder in meinen Gedanken ab- und wieder auftauche. Die Augen sind müde, schwer. Die Füße kribbeln. Meine Gedanken kreisen um diese Stunde, diesen besonderen Moment, der nun für immer diesen Ort mit dieser Stunde verbindet. Beim Blick in den klaren blauen Himmel quert gerade ein einsames Flugzeug, ein Kondensstreifen bleibt als Zeuge zurück, für ein außergewöhnliches Zeitfenster, wo doch der Flugbetrieb seit fast einem Jahr nahezu eingestellt ist. Die Kirchenglocken läuten auf 8, ein paar mehr Baukräne nehmen ihre Arbeit auf und grüßen sich gegenseitig über die Dächer der Stadt. Die letzten Minuten gehören dem „Abschied nehmen“, mit einem tiefen dankbaren Gefühl für diese schöne Türmer-Stunde.«

23.02.2021 Helmut Hönsch Aussicht