07:08 Uhr I Martin Völkl

»Auf dem Weg mit dem Fahrrad zum Friedensengel, meinem auserwählten Aussichtspunkt, ist es bitterkalt. Es hat etwa 2 Grad plus. Die Wettervorhersage am Tag zuvor sagt einen klaren Himmel voraus – leider trifft das nicht ein. Der Himmel ist ganz grau. Ich schließe mein Fahrrad am Friedensengel ab und suche mir eine passende Position. es ist kurz vor 07:08 – ich habe mir den Tag ausgesucht, weil er mir ins Auge gesprungen ist: der 7.8. ist mein Geburtstag. Ich stelle meinen Wecker auf 08:08 und es geht los. Ich stehe vor dem Sockel des Friedensengels und schaue auf die Prinzregentenstraße. Etwa 10 m gepflasterte Fläche vor mir ist ein Mäuerchen, links und rechts gehen Treppen hinab auf die untere Ebene. Für die Uhrzeit ist relativ viel Verkehr, finde ich. Rechts von mir fahren die Autos hinunter, hinein in die Innenstadt. Links von mir kommen Sie herauf, aus der Innenstadt heraus. Stau gibt es so gut wie keinen. Liegt das an der Uhrzeit oder dem Lockdown? Was ist das eigentlich für ein Gebäude am Ende der Prinzregentenstraße? Irgendjemand meinte mal, das ist quasi das Bayerische Weiße Haus: Wenn der Ministerpräsident da ist, dann weht draußen die bayerische Flagge. Er scheint nicht da zu sein. Und der Kirchturm dahinter? Von welcher Kirche ist der? (nach einer kleinen Google-Maps Aktion im Nachhinein finde ich heraus, dass es St. Markus ist). Wann wird wohl der Himmel aufklaren? Wann der blaue Himmel kommen? Noch ist keine Spur Blau am Horizont zu sehen. Rechts im Hintergrund, hinter den Häusern, außerhalb der Stadt so scheint es, steigt Rauch aus einem Schornstein in den Himmel. Die erste halbe Stunde geht gefühlt für Beobachtungen meiner Umwelt drauf.

Wie geht es aber eigentlich mir selbst? Was macht diese eine Stunde mit mir? Wollte ich mir nicht Gedanken machen über mein Leben? Meine Situation? Mal eine Stunde innehalten und über Dinge reflektieren, zu denen man sonst nicht kommt? Ich starte mit meiner Familie. Zu viel Durcheinander derzeit. Weiter geht es mit dem Job. Auch hier kommt mir kein klarer Gedanke. Zumindest muss ich nicht gleich an den Schreibtisch, wenn ich vom „Türmen“ nach Hause komme. Ich habe drei Tage frei. Darauf freue ich mich – was meine Freundin und ich alles Schönes vor haben und machen werden in den nächsten drei Tagen.

Von Fernem höre ich leise Kirchenglocken. Es muss 8 Uhr sein. Pünktlich dazu fangen auch die Vögel an, nun etwas lauter zu zwitschern. Die sind mir vorher gar nicht aufgefallen. Ein Specht-ähnliches Geräusch höre ich. Hier in der Innenstadt? Das kann nicht sein. Dazu klingt es ganz künstlich. Das sind wohl eher Bauarbeiten unten an der Straße, mit einem Presslufthammer. Viele Vögel scheinen nun wach geworden zu sein, spielen in den Bäumen, picken an den Ästen. Und da – das ist doch ein Specht, da links oben im Baum! Und da, schon wieder, das Klopfen! Das Klopfen kommt aber doch von der anderen Seite! Komisch. Mein 08:08 Wecker klingelt, ich gehe an die Mauer. Bin neugierig, woher das Klopfen kommt. Und da sitzt ein zweiter Specht: Auf der riesigen Lampe, die nachts den Friedensengel anleuchtet, sitzt er und pickt auf das Glas. Das hallt laut durch die ganze Nachbarschaft. Ich gehe zu meinem Fahrrad, schließe aus auf und fahre frierend nach Hause. Ich freue mich auf einen warmen Tee und das Frühstück mit meiner Freundin. Es gibt viel zu erzählen.«

22.02.2021 Martin Völkl Aussicht