07:12 Uhr I Rabea Braun

»Meine Stunde beginnt, zeitgleich stürzt sich eine Krähe in die Windböen – nur um kurz darauf hinter den Bäumen zu verschwinden. Ein Specht macht sich ans Werk, ich höre ihn klopfen, ohne ihn von meiner Position aus sehen zu können; ein weiterer fliegt vorbei. Auch eine Baustelle erwacht hörbar zum Leben, verschwindet aber schon bald aus meinem Bewusstsein. Ich lausche lieber den Meisen, Rotkehlchen und Amseln, und den anderen, mir bisher noch unbekannten Vögeln – auch einen Falken meine ich rufen zu hören. Trotz der frühen Stunde sind schon viele Menschen unterwegs, vor allem Walker und Jogger. Ein älterer Herr sammelt den Müll ein, den andere am Abend zuvor zurückgelassen haben. Ich möchte ihm danken! Ein Jogger läuft rückwärts den Hügel hinab. Ich frage mich nach dem Sinn dahinter – und möchte das ebenfalls probieren. Immer wieder bin ich alleine, immer wieder kommt jemand vorbei. Ich hatte nicht mit so viel Leben gerechnet. Die meisten Menschen ziehen in meinem Rücken vorbei, ohne mich zu beachten. Nur einmal merke ich eine sanfte Berührung an meinem Bein – ein kleiner Yorkshire Terrier stupst mich mit seiner Nase an. Ich beobachte, wie die Sonne immer weiter steigt, und die Stadt in goldenes Licht taucht. Ich selbst bleibe im Schatten, beobachte weiter. Eine Gruppe von Männern nähert sich, ich höre sie von weitem. Sie verweilen, kurz, und ziehen dann weiter. Der Specht klopft munter weiter, offenbar hat sich an einem anderen Baum noch ein zweiter dazugesellt. Neben mir lassen sich die Amseln nieder. Die letzten, die erwachen, sind die Enten und Gänse, sie ziehen am Himmel vorbei. Endlich erreicht auch mich die Sonne – und der Wecker zeigt mir an, dass meine Türmer Stunde zu Ende ist. Toll, was man in einer Stunde erleben kann!«

20.02.2021 Rabea Braun Aussicht