16:39 Uhr I Annette Rak

Geplant war ein beschwingter Abschied vom Gasteig bevor dieser in die Sanierung startet. Dem Ort, der mich mein Erwachsenenleben lang begleitet und inspiriert hat, in jungen Jahren als Platzanweiserin während des Studiums als ich dem genialen Leonard Bernstein die Blumen überreichen durfte und zuletzt beim Genuss Bobby McFerrins überschäumender Musikalität und Lebensfreude. Danke dafür!

Jetzt stattdessen pandemiebedingt ein privater Ort. Ich fuhr mit ungebremster Vorfreude viel zu schnell (mir wird wohl ein Foto zugeschickt werden, das ich zur Erinnerung rahmen werde!) zu meiner Freundin, darf von ihrem Dach aus türmen. Ich bin aufgeregt, so viele überwältigende Blickwinkel, so viele Optionen! Erleichtert bemerke ich, dass es keinen spektakulären Sonnenuntergang über dem Galeria-Klotz und Justizpalast geben wird. Die Sonne führt eine subtilere Regie und so entscheide ich mich für den Blick nach Süden über Sendling Richtung Alpenkette. Ein leichter, rosaner Sonnenstrahl weist zu der zackigen Silhouette des langgestreckten schneebedeckten Alpenkammes. Mein Vater hätte mir sicher einige Gipfelnamen genannt, er liebte den Blick in die Weite. Auf seine Art war auch er ein Türmer (‚nie wieder Krieg!‘).

Die Sonne steht schon relativ hoch, es liegt Frühling in der Luft. Ich höre Singvögel, ganz leise und etwas lauter Krähen und die Feuerwehr, die Straßenbahn bimmelt und die Stimmen der scherzenden Bauarbeiter verbreiten im Gegensatz zu den eher leblosen Dächern der direkten Umgebung pure Lebensfreude. Mich fasziniert das Nebeneinander der Großstadtgeräusche und der aus Süden herüber strahlenden majestätischen Ruhe der Berge. Ich lasse mich von dieser strahlenden Stille erfassen und werde auch ganz ruhig und gelassen.

Ich habe mir heute frei gegeben, meine Mutter wäre 86 Jahre alt geworden. Und in gesünderen Zeiten wäre sie als ehemalige Stadtführerin mit uns unten durch die Altstadt geschlendert. Sie hätte erzählt, vielleicht von dem heutigen 78. Jahrestag der Verhaftung der Geschwister Scholl, die schräg gegenüber paar Tage später im Justizpalast zum Tod durch Guillotine verurteilt wurden. Dann hätte sie sich wahrscheinlich umgedreht, auf das Münchner Künstlerhaus, dem Ort der Begegnung von Kunst und Gesellschaft geblickt, sich mit einem Strahlen in den Augen an der Leichtigkeit des Jugendstils erfreut, von den rauschenden Festen der Künstler wie Lenbach geschwärmt und uns in eine der wunderbaren Ausstellungen, Lesungen oder Konzerte dorthin eingeladen. Meine Gedanken werden unterbrochen vom gelassen-tenorigen Glockenklang der Frauenkirche im Osten. Ich halte inne und lausche. Minutenlang. Mein Herzschlag passt sich an. Meine neue Freundin, die Turmuhr in Sendling verrät mir, es sind fast zehn Minuten. Was für ein Geschenk. Happy Birthday!

Schlaf gut München, morgen früh wird das nächste Glied unserer Menschenkette über dir wachen.

Meinen herzlichen Dank an alle Beteiligten, gutes Gelingen für Gasteig 2.0 und kommt alle gut, gesund und kreativ durch diese Pandemie!

18.02.2021 Annette Rak Aussicht