07:26 Uhr I Susa Jürgensen

»Ganz ehrlich – ich hadere. Das Wetter heute ist fantastisch – blauer Himmel, wolkenfrei. Gegenüber ist der Rauch aus dem Schornstein rötlich gefärbt. Ich erahne den Sonnenaufgang. Wie umwerfend muss der Anblick gerade vom Türmer-Haus auf dem Gasteig aus sein! Ich aber schaue auf eine ausnehmend hässliche Hausfassade. Auf eine ruhige Nebenstraße. Nun gut. Dann beobachte ich mal. Ein Mann mit schwerem Rucksack geht zielstrebig vorbei. Eine junge Frau fast bedächtig. Ein sehr alter Hund hottet an ihr vorbei. Zwei Kinder mit Schulranzen – äh? Simulieren sie den Schulweg? Ich dachte, bei uns gibt es derzeit keinen Präsenzunterricht. Aber vielleicht täusche ich mich. Wer soll sich denn da noch auskennen. Sie bleiben stehen und schauen dem Hund beim Pinkeln zu. Die „Herrin“ kommt – sie reden miteinander. Ich würde brennend gerne wissen, was. Und so geht es weiter. Kurz ist mal nichts los und mir wird gleich langweilig. Ich schaue mir die Fenster gegenüber an. Es brennt kein Licht? Schlafen die alle noch? Mein Nachbar kommt mit einer Semmeltüte. Ich hab ihn gar nicht weggehen sehen. Macht er morgens immer einen Spaziergang? Ich merke wieder mal, dass ich ein wahnsinnig neugieriger Mensch bin. Mir ist nie aufgefallen, dass das Haus gegenüber ganz kleine, ja so ne Art Schornsteine, hat. Da kommt auch Qualm raus? Warum? Wie wird das Haus, das meinem in der Bauweise sehr ähnlich ist, beheizt? Das würde ich jetzt gerne wissen. Und so geht es weiter. Ich spüre mein Kreuz und stütze mich einfach mal auf die Fensterbank auf. Muss ja auch seine Vorteile haben, dass ich hier bin. Auch die Heizung bullert schön – draußen hat es -10 Grad! Es ist tatsächlich wahnsinnig interessant! Die verschiedenen Menschen, die morgens in den Tag starten. Fußgänger – jeder mit ganz eigenem Gang –, Radler, Autofahrer. Nur einer mit Handy in der Hand. Nur einer mit Maske. Erstaunlich viele in gemächlichem Gang. Auch jene die mit Auto kommen. Ist das so wegen Corona? Ganz klar: Menschen beobachten ist toll. Hätte ich auf dem Dach gar nicht so intensiv machen können. Hat sich gelohnt. Ich nehme mir vor, mich im Sommer in ein Café zu setzen und ganz unverblümt die vorbeiziehenden Menschen zu beobachten.«

12022021 Susa Jürgensen Aussicht