16:27 Uhr I Axel Schellin

Ich wollte die Stunde bewusst nicht „nutzen“, nicht über etwas „Wichtiges“ nachdenken, sondern versuchen im Hier und Jetzt zu bleiben und schauen was passiert. Das Wegdrücken von Alltagsthemen ist mir auch überraschend gut gelungen, fast immer schon im Ansatz. Dafür kreisten meine Gedanken dann beständig um meine Rolle als Türmer. Das Schauen und Beobachten meiner Umgebung kam zwar in Wellen immer wieder, wurde aber gefühlt weniger attraktiv. Vielleicht war das auch etwas dem grauen, diesigen Himmel mit nur leichtem Schneefall geschuldet, der einiges an Farben und Details verschluckte und wenig Bewegung in der Natur hervorbrachte. Und für einen vielleicht meditativ wirkenden Tanz der Flocken war die Konsistenz des Schnees nicht geeignet, er fiel tatsächlich einfach herunter wie Regen (da hatte ich mir im Vorfeld mehr „erhofft“). Ich hatte mir bewusst einen Standort mit Leben auf der Straße ausgesucht. Aber den immer gleichen Wegen der Fußgänger und Autos konnte/wollte ich bald nicht mehr allzu viel Aufmerksamkeit widmen. Gut, dass man als Türmer nicht für Alltagsdelikte zuständig war, sondern für die großen Gefahren. Meine „Türmerstube“ liegt zudem nur ca. 400m Luftlinie von der Philharmonie entfernt, so dass ich zumindest in einem Ausschnitt das gleiche Altstadtpanorama im Hintergrund sehen konnte: die Türme von Deutschem Museum, Frauenkirche und Neuem Rathaus sowie den Alten Peter (mit „professionellem Blick“ rücken gleich die Türme in den Fokus). Aber auch an dieser Aussicht und den dazwischen liegenden Dachlandschaften hatte ich mich bald recht satt gesehen. Ob sich die „ehemaligen Kollegen“ auf dem Alten Peter im Alltag wohl eher privilegiert oder isoliert gefühlt haben? Auch wenn die meisten Passanten allein und witterungsbedingt zielstrebig unterwegs waren und man daher keine Plauderei auf der Straße beobachten konnte, kam ich mir bisweilen isoliert vom Leben vor. Und so kamen auch immer wieder Momente der Langeweile auf, eine Empfindung, die ich sonst eigentlich gar nicht mehr kenne. Einmal habe ich mich dabei ertappt, einen Mann auf seinem offensichtlichen Rückweg als alten Bekannten zu betrachten. Und wurde es eigentlich spürbar dunkler in der Stunde? Vielleicht hat der Schneehimmel das verhindert. Nur bei den Autos waren irgendwann immer die Lichter an. Und die Wohnungen rechts von mir wurden mehr und mehr erleuchtet von den Feierabendheimkehrern. Aber den intimen Seitenblick habe ich kaum gewagt, trotz „Erkerfenster“. Und was für eine Erfahrung war es jetzt? Sicherlich eine „andere“, aber für mich – ehrlich gesagt – keine so „besondere“ wie ich mir erwartet, erhofft hatte. Trotzdem war es schön, dabei zu sein.

10.02.2021 Axel Schellin Aussicht